Feldgruppe
11.10.07, Angekommen im Projekt (2)

Liebe Freunde,

Liebe Freunde,

am nächsten Morgen, nach einer unruhigen Nacht im Wohnzimmerzelt, fahre ich zum ersten Mal im Jeep durch die Berge: auf einer miserablen Schlammpiste, mit fünf bis zwanzig km/h, aber durch eine wunderschöne Landschaft: grün, ueppig, voller Blüten, Akazien, Nadelbäume, dazwischen malerische Tukuls (runde Lehmhütten) oder auch nicht ganz so malerische Bretterbuden. Überall Kinder: die Hälfte aller Kenianer ist unter 20. Sobald sie das Motorengeräusch hören, kommen sie angerannt, winken in höchstem Entzücken und schreien red cross, red cross. Wer immer den Platz vorne neben dem Fahrer hat, statt sich hinten auf den harten Bänken durchschütteln zu lassen, hat die ehrenvolle Aufgabe, im Namen von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen zurückzuwinken. In diesem Fall ich.

Frauengruppe in Kenia: in einem völlig kahlen Raum der Ambulanz legen wir eine Plastikplane auf den Boden. Nach und nach, nachdem sie sich beim clinical officer, einer Art Hilfs-Arzt, ein paar Tabletten für sich oder die Kinder geholt haben, trudeln die Frauen ein, die Hälfte mit Baby oder Kleinkind im Tragetuch. Man setzt sich im Kreis auf den Boden; während die Mütter miteinander reden, krabbeln die Babies herum oder werden gestillt. Sie krähen und prusten, wie Babies das überall tun, aber schreien hört man sie nur selten. Die beiden Berater, Elvis und Evans, leiten die Gruppe souverän, und schon bald entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, die selbst von dem Regenguß, der plötzlich ohrenbetäubend auf das Wellblechdach trommelt, nicht zu bremsen ist; man rückt einfach etwas näher zusammen. Eine Frau (ich erfahre das, da ich kein Suaheli spreche, erst hinterher) erzählt unter Tränen, wie ihr Mann vor Wochen mit den größeren Kindern vor der Gewalt geflohen ist, sie mit dem Baby und fast mittellos zurücklassend. Seither hat sie keine Nachricht von ihrer Familie und das bisschen, was sie noch besaß, ist ihr gestohlen worden. Mehrere andere Frauen weinen jetzt auch und erzählen ähnliche Geschichten. Die letzten Resourcen, die diesen Frauen bleiben, sind die Solidarität untereinander – manche sind mehrere Kilometer zu Fuß gegangen, um zu dieser Gruppe zu kommen.

Der Regen hat die die Straße in Matsch verwandelt: auf dem Rückweg drehen an einem steilen Hang die Räder durch, es geht nicht weiter. Alle müssen aussteigen, der Jeep fährt zurück ins Tal und kämpft sich mit Anlauf und jaulendem Motor unbeladen erneut den Abhang hoch: diesmal, unter dem Jubel des erschöpften Teams, das nach Hause will, gelingt es.

Demnaechst mehr!

Mit afrikanischen Gruessen

Markus