Feldgruppe
10.02.09 Unerschütterliche Argumente

"Warum könnt ihr nicht das gesamte städtische Wassersystem reparieren?" fragt ein

"Warum könnt ihr nicht das gesamte städtische Wassersystem reparieren?" fragt ein Mann, als Dominique, der Wasser- und Sanitätsexperte von MSF, und ich bei einem belebten Markt in Dzivarasekwa, einem Stadteil von Harare, Halt machen. Ein mobiles MSF-Team ist hier, um Wasser zu chlorinieren und Dominique will nachsehen, wie es läuft. Das Team geht herum und injiziert eine desinfizierende Chlorlösung in die Wassercontainer der Bewohner, um sicher zu gehen, dass das Wasser trinkbar ist.

Auf dem Markt ist viel los. An kleinen Ständen unter Sonnenschirmen wird alles Mögliche verkauft. Angefangen von Obst, vor allem Mangos und Avocados, bis hin zu Schuhen - allerdings wird immer nur ein Schuh pro Paar gezeigt (aus Platzgründen? Oder um sicher zu gehen, dass sie nicht gestohlen werden?). Ich stehe neben dem Gemüsestand, hinter dem ein Abwasserbach fließt. Der Gestank ist so überwältigend, dass mir der Wunsch nach Obst vergeht. Ich rede mit der Frau, der der Gemüsestand gehört. Der Mann, der die Frage gestellt hat, steht in der Nähe untätig herum, wie so viele arbeitslose Menschen in Simbabwe.

Die Frau gibt ihm Recht. "Ist das für immer, werdet ihr das ewig lang machen?" fragt sie. Ich sage nein und erkläre ihr, dass wir eine Nothilfeorganisation sind, die hier ist um bei der Choleraepidemie zu helfen. Sie sagt, dass sie ihr Wasser nicht chlorinieren lassen möchte. Ich bin ein wenig perplex, aber versuche meine Reaktion zu verbergen, weil ich die Frau verstehen möchte. "Aber haben Sie denn keine Angst, krank zu werden?"

"Aber dann, wenn ihr aufhört uns das Zeug zu geben, wird uns das Wasser noch viel schlimmer beeinträchtigen, als zuvor," erklärt sie. Der Mann stimmt ihr zu und ergänzt lachend, "Wir sind resistent wie wilde Hunde; wir trinken dieses unsichere Wasser schon seit langer Zeit."

Dominique hört unsere Unterhaltung mit an. Er hat eine Leidenschaft für sauberes Wasser, seine Arbeit und dafür zu sorgen, dass es den Menschen gut geht. Er überprüft  unermüdlich Wassersysteme, Problemgebiete, mögliche Infektionsquellen, er hört nie auf, gibt niemals auf. Ich frage mich, ob er ungeduldig reagieren wird, weil ich ehrlich gesagt auch nicht viel Geduld für die Haltung der Leute aufbringen kann. Aber Dominique nimmt sich 20 Minuten Zeit um mit der Frau zu diskutieren. Er redet in einem fort mit ihr über die Wichtigkeit von Hygiene, über die Sicherheit ihrer vier Kinder, über sauberes Wasser. Ich beobachte die beiden lächelnd. Wie lange wird sich die Frau noch sträuben? Sie muss schließlich zustimmen, weil die Argumente einfach zu stichhaltig sind. Eine weitere Familie gerettet?

Dominique und ich fahren in einem MSF-Minivan nach Dziva. In der Region, die im saftigen Grün der Sommer-Regenzeit erstrahlt, stehen kleine Hütten entlang schlammiger Straßen, und ab und an einige halbfertige Ziegelbauten. Wir bleiben bei einer Hütte stehen. Sie hat, wie alle anderen hier, einen kleinen, flachen Brunnen. Amai Trust scheint der Haushaltsvorstand zu sein. Stolz zeigt sie uns ihren Brunnen. Ihr Anwesen ist sauber zusammengekehrt, Kleidung ist zum Trocknen aufgehängt, und an den Brunnen schließt sich ein gut gepflegter Gemüsegarten an. Die Kinder sind barfuss und spärlich gekleidet, aber wohlerzogen.

Der Brunnen ist nicht mehr als einen Meter oder zwei tief, mit einem Reifen als Öffnung und einem behelfsmäßigen Verschluss. Als Dominique fragt, wo die Toilette ist, drehen sich alle um und lachen; "Sie lachen immer wenn ich die Frage stelle", sagt Dominique mit einem Lächeln. Die Latrine ist keine zehn Meter vom Brunnen entfernt. "Wenn es regnet, fließt das Wasser von der Latrine zum Brunnen, die Menschen laufen durch, oder lassen den Kübel am Boden stehen und tauchen ihn dann in den Brunnen", erklärt Dominique. Ich frage Amai Trust, ob sie das Wasser abkocht. Sie versteht die Frage nicht, aber Revayi, unser Fahrer, hilft bei der Übersetzung. "Nein", erklärt er, nachdem er mit ihr gesprochen hat, "es gibt hier keinen Strom und Feuerholz ist sehr teuer. Es ist nicht möglich, das Wasser abzukochen."

In der Zwischenzeit hat sich um unser Auto eine lachende Menschentraube gebildet. Ich frage Revayi, warum sie lachen. "Sie fürchten sich davor, das Auto zu berühren", sagt er, "weil sie Angst davor haben, davon mit Cholera angesteckt zu werden." Ich schüttle meinen Kopf über diese Ironie.