Feldgruppe
10.02.09 Jede Art von Wasser

"Cholera, Cholera!" rufen die kleinen simbabwischen Kinder und rennen unserem Minibus von Ärzte ohne Grenzen hinterher, während er durch die von Abwässern durchtränkten und matschigen Straßen von Harares dicht besiedeltem Township Dzivaresekwa (oder Dziva oder nur Dizzy, wie einige unserer Kolleg

"Cholera, Cholera!" rufen die kleinen simbabwischen Kinder und rennen unserem Minibus von Ärzte ohne Grenzen hinterher, während er durch die von Abwässern durchtränkten und matschigen Straßen von Harares dicht besiedeltem Township Dzivaresekwa (oder Dziva oder nur Dizzy, wie einige unserer Kollegen es mittlerweile nennen) fährt.

Unser Fahrer Revayi lacht und dreht die Musik lauter. Normalerweise benutzte er seinen Minibus als Transportmittel für Einheimische. "Was bedeutet dein Name Reyayi?", frage ich ihn, während ich versuche, mich auf dem Rücksitz festzuhalten - denn alle zimbabwischen Namen bedeuten etwas. Böse Klatschbase, erklärt er mir. Das läge daran, dass seine Schwiegermutter schlecht über seine Mutter gesprochen habe, als sie schwanger war. So hat sie aus Rache ihrem Sohn diesen Namen gegeben. Dominique dreht sich um und wir sehen uns beide fassungslos über die Erklärung an und wissen nicht wirklich, wie wir reagieren sollen.

Ich wechsele das Thema und bitte Dominique mir etwas über seinen Arbeitsbereich, die Wasserversorgung und sanitäre Entsorgung zu erzählen, und über das Projekt, sicheres und sauberes Wasser für Harares am meisten gefährdete Einwohner bereitzustellen. Dominique, französisch-kanadisch, ist jung und völlig besessen von Wasser. Jeder Art von Wasser, ob schmutzig, sauber oder Abwasser - mit seinen schwarzen dicken Haaren und dichten Augenbrauen wird er leicht von seinem Lieblingsthema mitgerissen.

Er erzählt mir, dass es im Township Dziva, durch das wir gerade fahren, sogar noch Leitungswasser gibt. Aber da das System so kaputt ist, mit zerbrochenen Leitungen und nicht richtig funktionierenden Pumpen, gibt es keinen Wasserdruck mehr. Das macht es dem Abwasser möglich, das überall aus kaputten und aufgestauten Leitungen fließt, in das Trinkwassersystem einzudringen. Menschen trinken buchstäblich ihre eigenen Exkremente. "Wir könnten das Abwasser im Leitungswasser riechen", sagt Dominique und als wir an einem weiteren offenen Abwasserrohr in der Straße vorbeifahren erfüllt der Gestank des aufspritzenden Wassers den Minibus, und es ist nicht schwer, es sich vorzustellen.

Wir halten an einer Wasserstelle von Ärzte ohne Grenzen, an der unsere Teams eine konzentrierte Chlorlösung in die Wassereimer der Menschen spritzen und dadurch das Wasser desinfizieren. Viele Menschen laufen dort herum, Kinder (die Schule hat in Simbabwe wieder begonnen, aber es gibt keine Lehrer), Männer und Frauen (80 Prozent sind arbeitslos). Viele versuchen, irgendetwas zu verkaufen: kleine Boxen aus Pappkarton unter regenbogenfarbenen Schirmen; Mangos, Tomaten, Avocados.

Dominique spricht mit den Mitarbeitern, die das Wasser chlorieren. Er ist angestrengt, aber er lacht auch mit ihnen. Sie wollen alle wissen, wann er wiederkommt und ihre Arbeit kontrolliert. Ich gehe in ein benachbartes Haus. Die Menschen hier in Simbabwe sind immer so freundlich. Die Menschen in diesem Haus kommen heraus, um mich zu begrüßen und ich frage sie, ob sie Probleme mit dem Wasser haben. Einer der Männer der neunköpfigen Familie (Kinder, Tanten, Brüder) zeigt mir ihren Wasserhahn. Das Wasser tropft in einen Eimer und er erklärt, dass sie diesen Druck seit vergangenem Jahr haben. Er sagt, dass sie keine Decken oder ähnliches mehr waschen könnten, es wäre unmöglich.

"Was ist mit Ihrer Toilette", frage ich. "Toilette", schreit er frustriert auf. "Sie ist seit mehr als einem Jahr verstopft", erklärt er. "Manchmal läuft sie über und wir müssen sie mit Eimern leeren." Er zeigt mir die Latrine. Ich gucke hinunter in eine dunkle, grünliche Masse und denke, dass mir meine Augen einen Streich spielen oder das Licht komisch ist, weil es fast so aussieht, als würde sich die Masse bewegen. Aber das  kann nicht sein. Ich halte meinen Atem an und gucke ein bisschen näher. Dann schrecke ich angewidert und schockiert zurück. Es ist eine Masse aus tausenden Maden, die überall wabert. Schnell gehe ich hinaus.

Ich frage, ob sie genug Geld haben, um klarzukommen. Er schickt eine der Frauen ins Haus und sie kommt mit einer Lohnabrechnung zurück. Er will sie mir zeigen. Er verdient 13.742.381.818,10 Simbabwe Dollar im Monat. Auf dem Papier sieht es nach viel Geld aus, aber unglücklicherweise sind 13 Trillionen Dollar weniger als 1 US-Dollar am Tag. Morgen, sogar noch weniger.

Ich bedanke mich bei der gesamten Familie, mache ein paar Fotos von den Kindern und zeige ihnen zu ihrer absoluten Freude das Ergebnis. Dann gehe ich zu Dominique zurück.