Feldgruppe
Multiple Bedrohung – Covid-19 und die humanitäre Krise in Burkina Faso

Hassan Maïyaki ist unser Projektleiter in Burkina Faso. Die Coronavirus-Pandemie trifft das westafrikanische Land in einer anhaltenden humanitären Notlage. Unsere Teams vor Ort arbeiten unter Hochdruck, um sich auf die unterschiedlichen Bedrohungen durch die Auswirkungen der Pandemie vorzubereiten.

Transport mit dem Eselkarren in Burkina Faso

Das Coronavirus hat längst auch Burkina Faso erreicht… Inzwischen sind neun von 13 Regionen des Landes betroffen. Die ersten Fälle traten am 9. März in der Hauptstadt Ouagadougou auf, weitere folgten rasch. Mitte April gab es in Burkina Faso, nach Angaben des Centre for Emergency Health Response Operations (CORUS), mehr als 500 bestätigte Fälle, sowie 30 Tote. Zwar liegen fünfundneunzig Prozent der bekannten Infektionsketten in der Hauptstadt, aber die Situation in anderen Teilen des Landes ist nach wie vor sehr besorgniserregend. Denn Burkina Faso sieht sich ohnehin schon mit einer beispiellosen humanitären Krise, gezeichnet von Gewalt und Vertreibung, konfrontiert. 

Gewalt, Vertreibung, Hunger – Millionen brauchen Hilfe

Die Menschen warten Stunden in der Hitze mit Kanistern, um bei einer Trinkwasserverteilung in Djibo an die Reihe zu kommen.

Es gibt mehr als 800.000 Binnenvertriebene im Land und die UNO schätzt, dass in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen werden. Die Mehrheit dieser Menschen lebt unter schlechten Bedingungen, mit unzureichendem Zugang zu sauberem Wasser oder medizinischer Versorgung und vielen anderen Problemen. Schon die bisherige humanitäre Hilfe war nicht ausreichend. Bis vor einigen Wochen bestand die dringlichste Aufgabe darin, diese Hilfe zu verstärken, um auch Zugang zu entlegenen Gebieten zu bekommen. 

Die Aufmerksamkeit konzentriert sich jetzt jedoch auf den Umgang mit Covid-19. Zwar ist die Infektionssituation derzeit unter Kontrolle, aber die Pandemie hat inzwischen höchste Priorität, um das Schlimmste zu verhindern. Wie wir andernorts beobachten konnten, war kein Land auf die enorme Anzahl von teils schwerkranken Covid-19-Patient*innen vorbereitet. Von daher ist es notwendig, jetzt die Krankenhauskapazitäten zu erhöhen, um auf einen möglichen großflächigen Ausbruch in den kommenden Tagen vorbereitet zu sein. 

Malaria, Masern, Covid-19 - wir brauchen abgestimmte Strategien

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Ein Behanldungszelt für Kinder und Erwachsene

Ohne humanitäre Hilfsorganisationen hätten die Menschen kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, wie hier in unserem Projekt in Titao.

Wir sind in engem Kontakt mit den Gesundheitsbehörden, um Strategien zu entwickeln, wie wir zur Eindämmung des Ausbruchs in Burkina Faso beitragen können. Insbesondere helfen wir bei der Identifizierung und Versorgung von Patient*innen in Ouagadougou, Fada N'gourma und Gayeri. Eine unserer Prioritäten ist die Stärkung der Präventivmaßnahmen: Gesundheitsbildung, also beispielsweise das Erklären richtigen Händewaschens, das Einrichten von Isolierstationen sowie von Wegeplänen innerhalb der Gesundheitseinrichtungen, mit dem Ziel weitere Ansteckungen zu vermeiden.

Und eines ist unerlässlich: Massnahmen zum Schutz des Gesundheitspersonals! 

In den kommenden Wochen werden wir ein Gleichgewicht zwischen unserer Reaktion auf Covid-19 und der humanitären Krise finden müssen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich andere Krankheiten wie Malaria, Masern, Meningitis oder Cholera ausbreiten und ebenso viele, wenn nicht sogar mehr Opfer fordern als das Virus.

Darüber hinaus wissen wir noch fast nichts darüber wie das Coronavirus mit anderen Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber interagiert oder wie es sich auf mangelernährte Kinder mit schlechtem Immunsystem auswirkt. Die Akteure der humanitären Hilfe müssen sich weiterhin auf die anhaltende humanitäre Krise konzentrieren und gleichzeitig gegen die Coronavirus-Pandemie kämpfen - andernfalls riskieren wir eine noch größere humanitäre Tragödie.

Wir müssen uns schnell auf die neue Situation einstellen

Die Beschränkungen, die zur Begrenzung der globalen Ausbreitung von Covid-19 auferlegt wurden, stellen humanitäre Organisationen vor signifikante Herausforderungen. Wir brauchen für unsere Arbeit sowohl erfahrenes lokales, sowie internationales Personal. Doch momentan sind unsere Möglichkeiten, Kolleg*innen nach Burkina Faso zu entsenden, begrenzt, und dass zu einer Zeit, in der wir mehreren Herausforderungen gleichzeitig begegnen müssen. Wir sind besorgt, dass die Versorgung mit medizinischen Ressourcen und Medikamenten aufgrund der internationalen Restriktionen schwieriger wird. Ganz zu schweigen von dem Risiko, keine Schutzausrüstung für das Gesundheitspersonal importieren zu können, das an der vordersten Linie arbeitet.

Wir müssen uns daher schnell auf diesen neuen Kontext einstellen, was wohl nicht ohne Folgen für die Bevölkerung bleiben wird. Dabei ist diese bereits jetzt stark betroffen: Die Zahl der Vertriebenen dürfte bald fast eine Million erreichen, während gleichzeitig der Druck auf jene lokalen Gemeinschaften zunimmt, die die Flüchtenden aufnehmen. Die indirekten Folgen der Coronavirus-Pandemie könnten daher die Notlage auf ein neues Level heben.

Hassan Maïyaki