Feldgruppe
Weil es um die Menschen geht

"Ich werde oft gefragt, warum ich mein Leben in Deutschland einfach so aufgebe?"

Ich werde oft gefragt, warum ich mein Leben in Deutschland einfach so aufgebe? Warum ich auf so viele Annehmlichkeiten verzichte und mich in Gefahren wie Krieg und Krankheiten begebe? Und warum es gerade die Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen ist?

Mein Leben hat sich gerade im letzten Jahr sehr stark verändert. Natürlich verzichte ich auf viele Dinge im Leben, und das Schwerste für mich ist der Abstand zu meinen Freunden und der Familie. Aber ich habe eine Menge dazubekommen. Zum einen ist es natürlich die Arbeit, die sich sehr von meinem Leben als Krankenschwester an einem deutschen Krankenhaus unterscheidet. Meine Arbeit im Projekt ist vielfältiger mit mehr Verantwortung und Selbstbestimmung, was ich sehr schätze.
 
Ärzte ohne Grenzen hat ein großes Vertrauen in mich gesetzt und unterstützt mich jede Minute in meinem Tun. Ich habe durch die eigene Verantwortlichkeit eine große Portion an Selbstbewusstsein dazugewonnen, die mir in persönlichen und beruflichen Bereichen sehr weitergeholfen hat. Und es haben sich mir neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet.
 
Das Wertvollste, was ich mir wünschen kann
 
Ich lerne täglich sehr viele interessante Menschen kennen, die mich in meinen Einsätzen eine Weile begleiten und mein Leben reicher machen. Insbesondere von den einheimischen Kolleginnen und Kollegen sowie den Patienten habe ich sehr viel über mich selbst gelernt: wie reich ich doch eigentlich bin an vielen verschiedenen Dingen, wie hoch meine Sicherheit in meinem Leben in Deutschland ist, dass ich immer genug zu Essen und Trinken habe, und dass es an Kleidung nicht mangelt. Und wenn ich krank bin, gehe ich mit meiner Chipkarte zum Arzt oder ins Krankenhaus – was mir bis dahin immer als selbstverständlich erschien.
 
Ich wurde in jedem meiner Einsätze mit offenen Armen empfangen und habe die Arbeit immer mit viel Freude und Engagement gemacht. Und das ist das Wertvollste, was ich mir wünschen kann: Zufriedenheit und Überzeugung bei der Arbeit und im täglichen Tun, dann gehe ich auch zufrieden in mein Privatleben, was natürlich in einem Projekt anders ist.
 
Daniela and the team practise wearing their protective suits, in case of another outbreak of Ebola. She reports there are currently no new cases where she is in Sierra Leone.

Hier bereiten wir uns auf einen Ebola-Einsatz vor: 45 Minuten in Schutzanzügen können bei einer enormen Hitze sehr anstrengend werden.

So lebt man im Projekteinsatz
 
Natürlich sind die Lebensbedingungen von Projekt zu Projekt verschieden. Im Südsudan habe ich mit einer Kollegin in einem Zelt gewohnt, während wir hier in Sierra Leone unser eigenes Zimmer und Bad haben. Es gibt zurzeit keine neuen Fälle, aber Ärzte ohne Grenzen achtet sehr auf ein bestmögliches Sicherheitsmanagement. Auch das war für mich ein wichtiger Grund für meine Entscheidung, mit Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten.
 
Ich liebe mein kleines Reich. Mein Bett ist toll, im Gegensatz zu Bentiu im Südsudan. Ich habe ein großes Bett mit einer tollen Matratze. Mein Badezimmer ist zweckmäßig mit Dusche und Toilette. Jeweils mit einem Kollegen teilen wir uns hier ein Häuschen mit Veranda, wo wir abends gerne mit Musik und guter Laune den Abend ausklingen lassen. Wobei wir eigentlich in der Woche nie sehr spät ins Bett gehen, da wir alle müde vom Arbeitstag sind.
 
An den Wochenenden, immer von Freitagabend bis Montagmorgen, genieße ich meine „Heimkehr“ zum Rest des internationalen Teams in Magburaka, wo unsere Basis und das nächstgrößere Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen ist. In der Woche bin ich in der kleinen Stadt Mile 91, wo ich mir mit meiner amerikanischen Kollegin Maura – sie ist Hebamme – das kleine Haus teile. Wir haben jede ein Zimmer, in dem es immer zu heiß ist, um in der Nacht wirklich gut zu schlafen. 
 
Der Lärm der Straße ist ganz schön anstrengend, aber der gemeinsame Kaffee am 6 Uhr am Morgen hilft schon ein wenig. Wir genießen unser Frühstück auf unserer kleinen Veranda, bevor wir in das Gesundheitszentrum aufbrechen.
 
Daniela and her colleague Maura share a hug

Meine Kollegin Maura und ich. (C)MSF

Bis zu 250 Patienten am Tag
 
Maura geht dann meist gleich in die ambulante Geburtenstation, während ich mit meinen Kollegen vom sierra-leonischen Gesundheitsministerium zuerst einmal die Kinder in unserem kleinen stationären Bereich visitiere, die über Nacht geblieben sind oder eingeliefert wurden. Medikamente müssen gegeben oder geändert werden, der weitere Behandlungsplan wird besprochen. Oder aber bei stabilem Zustand entscheiden wir, die Kinder in das zwei Stunden entfernte Krankenhaus nach Magburaka zu verlegen.
 
Dann wird noch schnell der Notfallschrank kontrolliert und aufgefüllt, bevor unsere kleinen Patienten auch schon mit ihren Müttern zu uns in die Ambulanz kommen. Schnell noch die Einteilung der Kollegen in die jeweiligen Bereiche wie Wiegen und Messen, Malaria-Tests oder die Zone für Notfälle. Dann geht der arbeitsreiche Tag auch schon los. Zwischen 150 bis 250 Patientinnen und Patienten versorgen wir.
 
Ich habe viele Aufgaben in Mile 91. Wir haben keinen Arzt, der die Patienten sieht. Gemeinsam mit meinem Kollegen Peter vom Gesundheitsministerium bin ich dafür verantwortlich, dass alle Abläufe reibungslos klappen. Unser Krankenpfleger Mohammed und Michael, ebenfalls ein Kollege vom Gesundheitsministerium, führen die Untersuchungen und Behandlungen mit unserer Unterstützung durch. So kann es sein, dass ich immer wieder von meinen Tätigkeiten weggerufen werde, um besonders schwer erkrankte Kinder oder seltene Erkrankungen zu sehen und mit den beiden die Behandlungen durchspreche. 
 
Die Routine kommt ins Wanken
 
Die tägliche Visite am Bett der Patienten verbinde ich auch mit Weiterbildungen für die Kolleginnen und Kollegen. Ich kann dann individuelle Gespräche führen und wichtige medizinische Dinge erläutern. Die Bedarfe sind unterschiedlich, da ich es mit Pflegepersonal aber auch mit Helferinnen zu tun habe. Wir machen auch gemeinsame Fortbildungen über Durchfallerkrankungen, Lungenerkrankungen, Malaria oder Hygiene, die ich ausarbeite und halte. Ich bin stolz wie sehr sich meine Kolleginnen und Kollegen einbringen. 
 
Zwischendurch kommen immer wieder Notfallpatienten, die wir umgehend versorgen müssen. Das bringt unsere Routine ein wenig ins Wanken, aber mittlerweile ist das Team sehr gut aufgestellt und meistert die Unterbrechungen sehr gut.
 
Maura und ich versuchen unsere Mittagspause zu Hause zu verbringen, um eine wirkliche Pause zu haben. Aus Sicherheitsgründen dürfen wir nicht selbst fahren. Deshalb bringt uns unser Fahrer nach Hause, wo wir Kraft tanken bei einem leckeren Mittagessen auf der Veranda. Wir erleben viel, was wir dann oft besprechen, um es aus unseren Köpfen zu bekommen. Auch Maura hat viele schwer kranke schwangere Frauen und schwere Geburten. Ich bewundere sie dafür, mit was für einer Ruhe sie arbeitet. Hier in Sierra Leone ist die Müttersterblichkeit extrem hoch. Ihre Arbeit ist so wichtig für die Familien hier.
 
Daniela tests a baby and a small boy for malaria

 Erst habe ich das Baby auf Malaria getestet. Als der Junge daneben sah, dass dies schnell geht, verlor er seine Angst und ließ sich auch auf Malaria testen. 

Ohne Vertraute ginge es nicht
 
Ich habe viel von Maura über Geburtshilfe gelernt, und es war mir eine Ehre mit dieser tollen Frau zusammen arbeiten zu dürfen. Es ist ja oft auch nicht einfach, wenn man über Monate so eng zusammen arbeitet und zusammen lebt. Aber in den Monaten sind wir gute Kolleginnen, Freundinnen und Vertraute geworden. Und bei der belastenden Arbeit braucht man jemanden, der einem zur Seite steht.
 
Sierra Leone ist für mich ein wundervolles Land. Die Landschaft ist traumhaft schön, und es macht mich nachdenklich, was Sierra Leone schon alles durchmachen musste. Nach dem Bürgerkrieg war das Gesundheitssystem am Boden, vieles war zerstört und nur sehr langsam kam der Wiederaufbau voran. Und dann kam Ebola.
 
Ebola tötete so viele Menschen, gerade auch aus dem medizinischen Bereich. Dadurch ging die Gesundheitsversorgung noch weiter kaputt. Viele Menschen hatten nicht mehr die Möglichkeit, die nötige Hilfe zu bekommen.
 

Ebola hat die Familien verändert

Ich bin unendlich stolz auf mein Team, denn sie versuchen alles, trotz dieser schweren Situationen, um ihrem Land zu helfen. Auch wenn wir zurzeit kein Ebola mehr haben, komme ich oft wieder damit in Berührung. Eine Kollegin hat ihren Mann durch die Krankheit verloren und steht mit sechs Kindern alleine da. Die Familie versucht, so gut es geht, zu helfen, aber die Hauptlast trägt sie. Seit fünf Jahren arbeitet sie als Krankenschwester engagiert im Gesundheitszentrum. Seit ich hier bin, ist sie nicht einen Tag krank gewesen. Immer hoch motiviert und zur Stelle.
 
Jetzt habe ich viel geschrieben, aber ich denke, es ist klarer, weshalb ich das alles mache: Es sind die Menschen, mit denen ich zusammen sein darf, die mich täglich lehren, dankbar zu sein für das, was ich habe. Und dass es sehr schnell auch mal anders kommen kann.