Feldgruppe
Die Wege zur Hilfe verkürzen

Nur zehn bis fünfzehn Kinder sahen wir täglich, als ich im Januar meine Arbeit im Gesundheitszentrum in der kleinen Stadt Mile 91 begann.

Nur zehn bis fünfzehn Kinder sahen wir täglich, als ich im Januar meine Arbeit im Gesundheitszentrum in der kleinen Stadt Mile 91 begann. Heute, im April, ist es ganz anders: Meine Kollegen und ich werden schon morgens um 8:30 Uhr von vielen Müttern mit zum Teil schwer erkrankten Kindern aufgesucht. Viele sind dankbar, dass Ärzte ohne Grenzen nun die staatliche Einrichtung in ihrer Arbeit unterstützt. Das spricht sich in den vielen kleinen Dörfern schnell herum.

Das ist unser Gesundheitszentrum in Mile 91. © MSF

Das ist unser Gesundheitszentrum in Mile 91. © MSF

Neben leichten Erkrankungen sehen wir leider auch sehr viele schwer erkrankte Kinder. Sie leiden an Malaria, Lungenentzündungen oder  Durchfallerkrankungen, die mit schweren Komplikationen verlaufen. Täglich werde ich von der Wichtigkeit meiner Arbeit hier überzeugt. Mittlerweile kommen 30 bis 50 kranke Kinder täglich. 

Um uns herum sind insgesamt 28 weitere kleine Gesundheitsposten. Es ist geplant, dass wir fünf dieser Posten zeitnah unterstützen. Ich habe bereits mit Schulungen begonnen, um die Qualität der Behandlungen zu verbessern. Aber der Weg ist noch lang. Oft fehlt es auch an technischen Hilfsmitteln oder die Medikamente gehen in den kleinen Gesundheitsposten aus, bevor Nachschub da ist.

Ein anderes großes Problem: Die Mütter kommen sehr spät mit ihren kranken Kindern in die Klinik. Deshalb arbeiten wir ja mit den dezentralen, kleinen Posten zusammen, um die Wege zur Hilfe für die Mütter zu verkürzen. Um zu verstehen, weshalb sie oft erst spät kommen, ist es wichtig, ihren harten Alltag anzuschauen: Schon morgens müssen sie auf das Feld, auf den Markt oder andere schwere Arbeiten verrichten. Ihre Kinder werden bei den älteren Geschwistern oder Verwandten gelassen, die auch häusliche Arbeit zu verrichten haben und sich nicht oder kaum um die Kleinkinder kümmern können. Wenn die Kinder – wir sprechen hier von Babys und maximal fünf Jahre alten Kindern – krank sind, haben die Geschwister/Tanten/Großmütter also gar nicht die Möglichkeiten, sich angemessen um die fiebernden kleinen Mädchen und Jungen zu kümmern.

Oft geraten die Kinder dann in akute Lebensgefahr: Sie sind dehydriert und kämpfen mit starker Unterzuckerung und niedrigem Hämoglobin, das den Sauerstoff im Blut transportiert. Bei einer Malaria-Infektion kann eine solche Entwicklung schnell das Leben kosten. Im Gesundheitszentrum können wir die Kinder aber meistens rasch stabilisieren. Wir können ihnen Glucose (Zucker) und Flüssigkeit verabreichen, aber eine Bluttransfusion steht uns hier nicht zur Verfügung. Diese ist aber oft die einzige Chance, ihr Leben zu retten. Dafür müssen wir die kleinen Patienten in unser Krankenhaus nach Magburaka bringen. Und das ist gar nicht so einfach.

Das bin ich mit meiner Kollegin Carolin (rechts) und den beiden zurückgelassenen Zwillingen Alusine und Hassanatu. © MSF

Das bin ich mit meiner Kollegin Carolin (rechts) und den beiden zurückgelassenen Zwillingen Alusine und Hassanatu. © MSF

Für die Kinder hier in Sierra Leone ist ein Krankenwagen in der Regel nicht erreichbar. Die Wege sind lang und es gibt keine guten Straßen. Nur eine braune Sandpiste mit vielen unangenehmen Schlaglöchern führt nach Magburaka. Je nach Wetterlage kann der Weg auch mal länger als zwei Stunden dauern. Denn gerade hat die Regenzeit mit ihren heftigen Schauern begonnen, und so gleichen die Straßen meistens einer Schlammpiste.

Ein weiteres Hindernis für einen raschen Transport ins Krankenhaus ist die finanzielle Situation der Eltern, die ein Taxi oder einen Motorradtransport oft nicht bezahlen können. Ärzte ohne Grenzen übernimmt zum Glück die Kosten, wenn wir ein Kind in die Klinik bringen lassen müssen. Nichtsdestotrotz kommt es immer wieder vor, dass unsere Hilfe leider zu spät kommt – dass eines der beschriebenen Hindernisse doch „gewinnt“, und wir das Kind verlieren. Ich habe gelernt damit umzugehen, akzeptieren möchte ich es dennoch nicht.

Aber es gibt auch schöne Augenblicke. Da sind zum Beispiel meine Zwillinge: Alusine und Hassanatu. Ihre Mutter verstarb kurz nach der Geburt, und die Familie hat bereits sechs Söhne, die ernährt werden müssen. Der Vater, ein Farmer, entschied sich, die Babys zunächst nicht zu sich nehmen und hat sie im Krankenhaus in Magburaka gelassen.

Es berührte uns alle sehr, wie sehr der Vater mit dieser schweren Entscheidung kämpfte, aber es ging für ihn um die Existenz der gesamten Familie.

In der Folge sprachen eine Psychologin aus unserem Team und ein staatlicher Ansprechpartner noch einmal einfühlsam mit dem Vater. Sie machten ihm deutlich, dass er alle Rechte an seinen Kindern verliert, wenn er sie nicht zu sich nehmen möchte. Das wollte er nicht, und so hat er die Zwillinge schließlich doch zu sich genommen.

Der Vater und die Großmutter der Zwillinge kommen zur Sprechstunde in Mile 91. © MSF

Der Vater und die Großmutter der Zwillinge kommen zur Sprechstunde in Mile 91. © MSF

Ein paar Wochen haben wir uns immer wieder gefragt, wie es unseren Zwillingen wohl geht. Und eines Tages sah ich sie wieder. Während der Arbeit in Mile 91. Der Vater und die Großmutter berichteten uns während der Sprechstunde verzweifelt, dass sie sich keine Milch leisten können, sodass die Kleinen gewaltig an Gewicht verloren hatten. Außerdem litten sie unter Hautproblemen und einem Infekt. Die Erkrankungen konnten wir rechtzeitig mit Medikamenten behandeln. Außerdem konnte ich die Zwillinge in unser Ernährungsprogramm aufnehmen. Jetzt kommen sie alle zwei Wochen und entwickeln sich prächtig. Ich bin dankbar, dass ich durch Ärzte ohne Grenzen diese und andere Familien unterstützen kann.

Die Kindersterblichkeit in Sierra Leone ist sehr hoch – insbesondere in den ersten Lebenswochen und -monaten. Ärzte ohne Grenzen kann zur Verbesserung der Lage einen wichtigen Beitrag leisten. Ich bin dankbar, dass ich mit meinem Team zusammenarbeiten darf. Gerade auch von meinen Kolleginnen und Kollegen aus Sierra Leone lerne ich jeden Tag viel dazu: vor allem über die Menschen hier und ihr Leben. Wie gut, dass meine Zeit im Projekt noch eine Weile weitergeht.