Feldgruppe
Beginn der schwersten Monate – Regenzeit

"Mein jüngstes Kind mit Malaria war sechs Wochen alt."

So fühlt sich die Regenzeit also für uns an: schwül, warm – und gut durchgeschüttelt. Wenn wir vor ein paar Wochen noch anderthalb Stunden mit dem Geländewagen brauchten, um das kleine Gesundheitszentrum zu erreichen, so dauert es heute bis zu drei Stunden. Die Straßen sind übersät von riesigen Pfützen – reinste Schlammpisten. Wir fahren um die „Seen“ herum, so gut es geht, damit wir nicht stecken bleiben. Und wir spüren dabei jedes Schlagloch. Leider kommen wir dadurch nur langsam voran.

Am Montagmorgen ist Abfahrt zum Gesundheitszentrum in der kleinen Stadt Mile 91. Meine Kollegin Maura und ich wissen, dass es leider eine lange Anreise wird. Wir spüren die Müdigkeit schon vor Reiseantritt. Ich bin immer wieder dankbar für unsere tollen Fahrer, die uns trotz dieser extremen Bedingungen sicher ans Ziel bringen.

Early in the morning, the health center at Mile 91 is already full to the brim. © MSF

Bereits am frühen Morgen warten die Patienten im Gesundheitszentrum in Mile 91. © MSF

Behandlung mit Hindernissen

Während der Fahrt frage ich mich immer wieder, wie es meinen kleinen Patienten ergeht, wenn sie verlegt werden müssen und mit einer ernsthaften Erkrankung auf dem Weg in das Krankenhaus nach Magburaka sind. Mit einem Motorrad – dem üblichen Krankentransportmittel – kann es noch länger dauern. Wenn es regnet, müssen Motorradfahrer anhalten, und wertvolle Zeit geht verloren. Dazu kommt die Unfallgefahr, wenn der Fahrer nicht aufpasst und falsch reagiert, wenn er durch die Wassermassen fährt. Umfahren geht an viele Stellen einfach nicht mehr, wenn die gesamten Wege überflutet sind. Und noch haben wir nicht die Hochsaison erreicht.

Mit dem Einsetzen der Regenzeit hat sich auch die Anzahl der Kinder im Gesundheitszentrum in Mile 91 stark erhöht. Wenn wir am Montagmorgen die Einrichtung erreichen, ist der Wartebereich schon voll mit kleinen Patienten. Nach dem Wochenende können es schon mal bis zu 150 Kinder sein. Die meisten von ihnen leiden an Malaria. Auch Lungenentzündungen sind deutlich angestiegen – eine bedrohliche Erkrankung für die Kinder. Sowohl Malaria als auch Lungenentzündungen betreffen leider auch die kleinsten Patienten. Mein jüngstes Kind mit Malaria war sechs Wochen alt.

Und gerade für Kinder unter fünf Jahren ist die Erkrankung besonders gefährlich, wenn nicht schnell genug die richtige Therapie eingeleitet wird. Die Sterblichkeitsrate bei Malaria ist hoch. Unseren Patienten bzw. den Eltern geben wir immer Moskitonetze mit nach Hause. Bei der Ausgabe muss eine gute Aufklärung erfolgen. Denn die Eltern verwenden die Netze leider immer wieder auch für andere Dinge: zum Fischen oder zum Transport ihrer Ernte. Deshalb ist die Arbeit unserer mobilen Teams, die in die Dörfer gehen und dort Gesundheitsberatung machen und Dinge erklären, so wichtig. Sie leisten wirklich eine tolle Arbeit.

Here I visit my little malaria patient, Ramatu, in the hospital. © MSF

Hier besuche ich meine kleine Malaria-Patientin Ramatu im Krankenhaus. © MSF

Zwei bis drei Kinder pro Bett

Malaria geht mit hohem Fieber, Übelkeit und Erbrechen einher. Das schwächt die kleinen Körper sehr schnell. Und durch die immer wiederkehrenden Infektionen leiden die Kinder oft an Anämie (Blutarmut) und müssen ins staatliche Krankenhaus nach Magburaka gebracht werden, um dort eine Bluttransfusion zu erhalten. Ärzte ohne Grenzen hat dort eine Blutbank eröffnet, die tatkräftig von vielen Blutspendern unterstützt wird. Es ist schön zu sehen, wie die Menschen aus Sierra Leone versuchen, ihren Kindern auf diese Weise zu helfen.

In den letzten Wochen habe ich intensiv daran gearbeitet, in Mile 91 einen kleinen stationären Bereich aufzubauen. So können wir Kinder auch dort intensiver behandeln. Das Vorgehen entscheiden meine Kollegen und ich dann immer von Fall zu Fall, und manchmal müssen wir dann doch ein Kind verlegen, weil sich sein Zustand rasch verschlechtert hat. Das zeigt uns die Heimtücke der Erkrankung Malaria. Wir haben zwei Betten in dem kleinen Gesundheitszentrum zur Verfügung. Oft müssen wir ein Bett mit zwei oder sogar drei Kindern belegen – so groß ist der Bedarf.

Ramatu hat großes Glück gehabt

Ramatu ist eines meiner Kinder, das wir in unserem stationären Bereich zunächst dabehalten mussten. Ihr Zustand war sehr schlecht. Sie sprang auf die Medikamente nicht sofort an, wie wir gehofft hatten. Sie hatte immer wieder Krampfanfälle. Zudem litt sie an schnell absteigenden Blutzuckerwerten, und wir mussten ihre Werte engmaschig kontrollieren. Deshalb entschieden wir uns gegen einen Transport ins Krankenhaus, der ja aktuell längere Zeit dauert. Sobald Ramatu stabil genug war, wollten wir es wagen, sie mit dem Motorrad in die Klinik transportieren zu lassen. Nach drei Tagen war es zum Glück endlich so weit.

Ramatus Vater, Abdul, hat seine kleine Tochter dann nach Magburaka begleitet. Die Mutter konnte sich so um die Geschwister kümmern. Freunde und Familie halfen ihr bei der Feldarbeit und übernahmen seine Aufgaben mit. Ramatu war insgesamt zwei Wochen im Krankenhaus. Anfangs war sie drei Tage im Koma, bis es ihr besser ging. Sie erholte sich langsam Stück für Stück und konnte schließlich nach Hause. Ramatu hat großes Glück gehabt, dass sie ohne Folgeschäden wieder gesund ist.

Aber das sind die schwierigen Momente, in denen wir zum Beispiel wie bei Ramatu über Verlegung oder Warten entscheiden. Täglich müssen wir in unserem kleinen abgeschiedenen Projekt in Mile 91 mit unserer Verantwortung umgehen. Fernab von einem Krankenhaus, auf uns und unsere Fähigkeiten alleine gestellt, wachsen mein einheimisches Team und ich immer mehr zusammen. Und ich freue mich sehr, dass ich noch einige Zeit gemeinsam mit ihnen hier Leben retten darf.

Bye for now and many regards from Mile 91. © MSF

Bis bald und viele Grüße aus Mile 91. © MSF