Feldgruppe
Von Anrufen aus dem Südsudan und Gemeinschaft trotz Distanz

Daniel Campbell ist Logistiker bei Ärzte ohne Grenzen und setzt sich hier mit den Auswirkungen von Covid-19 in Großbritannien und auf globaler Ebene auseinander. Er teilt seine Gedanken, wie die Pandemie die Sicht der Gesellschaft auf die internationale humanitäre Hilfe verändern könnte und warum humanitäre Hilfe kein Tauschgeschäft ist.

Watsan coordinator Adrien Mahama demonstrates how to wear a mask during COVID-19 infection prevention and control training  in Juba, South Sudan

"Geht es Dir gut? Ist Deine Familie in Sicherheit? Was kann ich tun, um zu helfen? Kann ich als Freiwillige*r bei euch im Krankenhaus arbeiten?"

Ich lebe derzeit in einem der reichsten Länder der Welt. Diese Fragen stammen aus E-Mails, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten meiner ehemaligen südsudanesischen Kolleg*innen. Sie arbeiten in einem abgelegenen Gesundheitszentrum in einem der ärmsten Länder der Welt. Hätte ich euch die Nachrichten vor einem Monat gezeigt, hätte ich euch verziehen, wenn ihr die Richtung der Kommunikation falsch interpretiert hättet.

In dieser beispiellosen Zeit von Covid-19 ist es jedoch vielleicht weniger überraschend, dass ich derjenige bin, der mit Unterstützungsangeboten von besorgten Kolleg*innen aus früheren Projekten überschwemmt wird.

Ratlosigkeit gegenüber der Krise vor der Haustür

Im Alter von 16 Jahren ging ich zur Armee und diente im Irak und in Afghanistan, bevor ich meine Laufbahn als humanitärer Helfer begann. Somit sollte ich eigentlich gut in der Lage sein, mit der gegenwärtigen Situation fertig zu werden. Ich bin es aber nicht. 

Ich bin genauso verwirrt wie alle anderen, genauso überwältigt und genauso unfähig, mich den scheinbar endlosen Nachrichtenmeldungen zu entziehen.

Erfahrung darin zu haben, mit Krisen in anderen Ländern umzugehen, ist eine Sache, aber es ist etwas ganz anderes, wenn die Krise vor der eigenen Haustür stattfindet.

Wenn ich jetzt auf die leeren Straßen und die geschlossenen Geschäfte schaue, dem Klang der zwitschernden Vögel lausche, die nicht mehr vom Lärm des vorbeifahrenden Verkehrs übertönt werden, bin ich überwältigt, wie surreal meine normalerweise alltägliche Umgebung geworden ist!

Neue Stadt, neuer Job und dann der "Lockdown"

Für einen neuen Job bin ich vor kurzem nach Truro im Südwesten Englands gezogen. Wegen dem „Lockdown“ liegt der Job erstmal auf Eis. Mein Plan, meine Möbel aus dem Lager zu holen, neue Freund*innen zu finden, meine Nachbar*innen kennen zu lernen und Stammgast im nahen Pub zu werden, ist auf absehbare Zeit nicht umsetzbar. Der ungünstige Zeitpunkt des Umzugs und der Mangel an Gesellschaft haben mir viel Zeit zum Nachdenken gelassen. 

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Daniel Campbell im Einsatz im Südsudan
Daniel Campbell im Einsatz für Ärzte ohne Grenzen im Südsudan

Beim Verfassen dieses Artikels habe ich versucht, einen tieferen Sinn in all dem zu finden, eine beeindruckende Beobachtung, die sich auf meine jahrelange Erfahrung im Ausland stützt.

Doch obwohl ich einige der komplexesten humanitären Notsituationen auf der ganzen Welt miterlebt habe, bin ich jetzt, da mein eigenes Land nicht mehr im Normalzustand ist, ratlos. 

Gemeinschaftsgeist in der Distanz

Trotz allem habe ich das Gefühl, dass die Tragödie eine positive Seite hat. 
Niemand von uns hätte sich für Covid-19, die ständig steigende Zahl der Todesopfer und die Umwälzung des Gefüges unserer Gesellschaft entschieden. Dennoch sehen wir unbeabsichtigter Weise in die Zukunft.

In den letzten Jahren haben wir uns als Gesellschaft zunehmend isoliert, distanziert und zersplittert.

Nun konfrontiert uns der „Lockdown“ mit der logischen Konsequenz dieses Weges, die uns keineswegs gefällt.

Trotz meines derzeitigen Mangels an physischen Kontakten, fühle ich mich mit meiner Umgebung mehr verbunden denn je: Ich rufe meinen Nachbar*innen durchs offene Fenster zu, ob sie sich einen großen Sack Kartoffeln teilen möchten; ich rufe meine Lieben an, statt ihnen Textnachrichten zu schreiben; ich unterhalte mich mit Fremden, während wir unbeholfen die Straßenseite wechseln, um auf unserem einzigen Spaziergang am Tag genügend Abstand zwischen uns zu halten.

Ich habe das Gefühl, dass ich einen etwas surrealen Einblick in den Gemeinschaftsgeist vergangener Zeiten bekomme - und das gefällt mir.

Wir sind nicht alleine

Die Veränderungen in unserer Gesellschaft werden weitreichend sein, und zwar nicht nur auf der mikroskopischen, persönlichen Ebene, sondern auch auf nationaler und konzeptioneller Ebene. 

Während Covid-19 das scheinbar Unmögliche erreicht und uns in Großbritannien dazu gebracht hat, nicht mehr über den Brexit zu sprechen, hat sich unser Verhältnis zu Europa, ja sogar zum Rest der Welt, für immer verändert. 
Wenn eine Freundin, die als Krankenpflegerin in der Lombardei arbeitet, mich anruft, bittet sie mich regelmäßig, den Empfehlungen zu den Distanzierungsmaßnahmen zu folgen. Ihr kleiner Beitrag, Großbritannien vor dem gleichen Schicksal wie Italien zu bewahren.

Und dann diese Anrufe und Nachrichten von südsudanesischen Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Logistiker*innen, die alles in ihrer Macht Stehende und noch mehr anbieten, während sie selbst unter Plastikplanen in Sümpfen leben, ohne ausreichend Nahrung und fließend Wasser.

Sie sollten uns nicht nur demütig werden lassen, sondern auch daran erinnern, dass Großbritannien nicht allein ist.

Solidarität trotz ungleicher Machtverhältnisse

Die helfende Hand der Freundschaft und Solidarität einiger der ärmsten Menschen der Welt sollte nicht nur unsere westlich-zentrierte Vorstellung davon, was wir unter einem solidarischen Menschen verstehen, grundlegend verändern, sondern sie sollte auch als Antwort auf die Frage dienen: "Warum sollten wir anderen Ländern helfen?"

Das Verständnis von Hilfe als Tauschgeschäft ist grundlegend fehlerhaft. Wir sollten Anderen nicht helfen um etwas auszugleichen, sondern wegen der inneren Werte anderer Menschen.

Dieses Hilfsangebot derjenigen, die aufgrund der ungleichen Machtdynamik der globalen politischen Ökonomie nur als Empfänger*innen von Hilfe angesehen werden und von denen nicht erwartet wird, dass sie Hilfe leisten, sollte als Erinnerung an unsere globale Gemeinschaft dienen.

Eine Mahnung, die wir hoffentlich nicht vergessen werden, wenn wir endlich diese Krise überwunden haben.