Feldgruppe
Coronavirus-Pandemie in Deutschland – Hilfe für die Verletzlichsten

Cordula Haeffner ist Krankenschwester und seit 2015 immer wieder für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Zur Zeit berät sie mit einem kleinen Projektteam verschiedene Organisationen und Institutionen beim Umgang mit der Coronavirus-Pandemie in Deutschland. Zudem begleitet sie von zuhause aus unser Team in der Zentralen Annahmestelle für Asylsuchende in Halberstadt.

Wir beraten auch in Deutschland

Es fällt uns nicht immer leicht zu entscheiden, wann und wo wir unsere Expertise einbringen, bzw. ein Projekt starten. Vor der Coronavirus-Pandemie leisteten wir humanitäre Nothilfe vor allem für Menschen, die durch Kriege und Naturkatastrophen um ihr Leben fürchten mussten. Als medizinische NGO sind wir seit jeher natürlich auch gegen Epidemien wie Ebola, Masern oder Malaria im Einsatz. Bis vor Kurzem betrafen solche Krisen jedoch vor allem Länder des globalen Südens, in denen die Gesundheitssysteme oftmals vollkommen überlastet oder kaum vorhanden sind.

Mit der rapiden Ausbreitung von Covid-19 sehen wir seit Kurzem aber auch hier in Deutschland die Notwendigkeit, unsere Unterstützung anzubieten.

Generell richten wir unseren Fokus, egal wo wir aktiv sind, auf die Verletzlichsten der Gesellschaft. Hier in Deutschland sind das aus epidemiologischer Sicht vor allem Menschen in dicht gedrängten Unterbringungen, Menschen ohne Papiere oder ohne Krankenversicherung – Obdachlose, Geflüchtete oder Menschen in ähnlich prekären Situationen.

Wertvolle Erfahrungen aus 49 Jahren humanitärer Hilfe

Inzwischen konnten wir mit verschiedenen Vereinen, Organisationen und Wohlfahrtsverbänden sowie Vertreter*innen staatlicher Institutionen und Trägern, die in diesem Bereich arbeiten, Kontakt aufnehmen. Da das deutsche Gesundheitssystem die Kapazitäten und Ressourcen hat, um einer solchen Pandemie begegnen zu können, wurde deutlich, dass die größte Unterstützung, die wir zum jetzigen Zeitpunkt anbieten konnten, unsere Erfahrung ist: Das Wissen aus fast 50 Jahren medizinischer Nothilfe und der Bekämpfung von Virusepidemien unter teils schwersten Bedingungen.

Unser Beratungsspektrum umfasst medizinische, epidemiologische und logistische Fachexpertise, Beratung beim Design von Interventionsmaßnahmen sowie konkrete, punktuelle Personalunterstützung bei deren Implementierung. Bisher haben wir auf diese Weise den Tafeln, der Berliner Stadtmission sowie zahlreichen Einrichtungen der Diakonie Hilfestellung leisten können.

Darüber hinaus unterstützt ein Team von Ärzte ohne Grenzen seit dem 20. April in Halberstadt die Zentrale Annahmestelle für Asylsuchende des Landes Sachsen-Anhalt (ZASt) mit psychologischer Hilfe, durch Gesundheitsaufklärung und in der Kommunikation. Ein Beispiel, an dem sich hervorragend zeigen lässt, wie wir unser Fachwissen aus unseren weltweiten Projekten gezielt einbringen können. Denn es geht um Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, die sich nicht gut untereinander verständigen können, auf beengtem Raum leben und die in dieser Krise einer besonderen Unsicherheit und großen Ängsten unterliegen. Denn eine Vielzahl der Migrant*innen hat traumatische Erlebnisse hinter sich und häufig ein vergleichsweise erheblich schwächeres Immunsystem.

Wie Leichtigkeit gegen Covid-19 helfen kann

Unser Team kann hier mit den Erfahrungen aus Projekten in verschiedensten Kulturen eine Brücke bauen, die Mitarbeiter*innen vor Ort trainieren und zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Dazu nutzen wir Materialien, die wir auch in unseren Einsätzen verwenden, wie z.B. ein Video, indem mit Musik und Tanz die Wichtigkeit des Händewaschens leicht zugänglich und vor allem universell verständlich dargestellt wird. Die aktive Beteiligung aller sorgt zudem dafür, dass sich die Botschaft besser einprägt. Wir können leichter Vertrauen aufbauen, und erreichen vor allem auch ein positives Grundgefühl und Spaß bei der Sache.

Diese Positivität ist eine wichtige Voraussetzung, um möglichst unbeschadet durch so eine Krisenzeit zu kommen.

Ihr merkt zuhause wahrscheinlich auch, wie die Alltagsbeschränkungen beginnen, an euren Nerven zu zehren. Umso herausfordernder ist es, mit einer solchen Ausnahmesituation klarzukommen, wenn Existenznot oder Zukunftsangst ohnehin schon zum Alltag gehören, wie für diese Menschen.

Als Organisationsteam sind auch wir im Moment nur virtuell miteinander verbunden. Das macht auf der einen Seite die konkreten Arbeitsschritte schwieriger, aber führt auch jeder und jedem von uns vor Augen, wie schwer die psychologische Herausforderung wiegt. Wir vermissen das Miteinander, den direkten Kontakt. Daher möchte ich euch zum Abschluss noch ein Video von unserem Kollegen Raimund Alber empfehlen, der ein paar hilfreiche Tipps zusammengestellt hat. Wir sprechen bei Ärzte ohne Grenzen übrigens auch nicht von „Social Distancing“, sondern von „Physical Distancing“. Denn gerade jetzt ist es besonders wichtig, sich zumindest in regelmäßigen Videokonferenzen austauschen zu können, und seinen Kolleg*innen immerhin in ihren Wohnzimmer-Büros zu begegnen.

Liebe Grüße,

Cordula

Cordula Haeffner ist Krankenschwester und seit 2015 für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Sie hat sich bereits in Projekten in der Zentralafrikanischen Republik, Griechenland, Haiti, Libyen und Südafrika engagiert. Zurzeit bringt sie ihre Erfahrung in das Team von Ärzte ohne Grenzen ein, das die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie in Deutschland unterstützt.