Feldgruppe
Kleiner Grenzverkehr

Ich bin mit Zulfiya, unserer inzwischen nicht mehr ganz so neuen Ärztin, unterwegs nach Erivan. Ärzte ohne Grenzen veranstaltet dort einen Workshop über - dreimal dürfen Sie raten - multiresistente Tuberkulose.

Ich bin mit Zulfiya, unserer inzwischen nicht mehr ganz so neuen Ärztin, unterwegs nach Erivan. Ärzte ohne Grenzen veranstaltet dort einen Workshop über - dreimal dürfen Sie raten - multiresistente Tuberkulose. Eine Woche Austausch über die Arbeit in Armenien, Russland, Uzbekistan, Myanmar, Kamboscha und natürlich: Tadschikistan.

Das Abenteuer beginnt jedoch schon am Flughafen in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Direktverbindungen nach Erivan gibt es erwartungsgemäß keine, also fliegen wir über Moskau. Mein Hinweis beim Einchecken, dass das Ziel unserer Reise Erivan ist, wird mit einem Achselzucken beantwortet. Den Boardingpass für Moskau-Erivan kann ich mir in Moskau holen. Aber wenn meine Tasche nur bis Moskau geflogen wird, stehe ich dumm da. Bekanntlich liegt zwischen Landung und Gepäckabfertigung die Passkontrolle. Ein Visum für Russland habe ich nicht.

Mein Hinweis auf das fehlende Visum bringt mir wieder ein Achselzucken ein - und ein "Viel Glück!" dazu. Großartig. Zum Glück habe ich Zulfiya dabei. Tadschiken dürfen ohne Visum nach Russland einreisen. In Moskau angekommen, verliere ich Zulfiya im Terminal erst mal aus den Augen. Passkontrollen auf zwei Ebenen, hunderte von Menschen, dazwischen ein Transitschalter. Hat Zulfiya mein Problem verstanden? Sie spricht Englisch deutlich besser als ich Tadschikisch, geschweige denn Russisch, aber für ein "Bitte passiere alleine die Passkontrolle, bring dann unsere beiden Taschen zum Einchecken und triff mich danach am Gate", reicht es dann doch nicht.
Außerdem habe ich sie, wie gesagt, aus den Augen verloren.

Meine leise Hoffnung auch ohne Einreise nach Russland an mein Gepäck zu kommen, wird am Transitschalter zunichte gemacht. Dann kommt zum Glück Zulfiya vorbei. Die Dame am Schalter erklärt ihr mein Problem. Zulfiya lacht nur. Ich interpretiere das als Zustimmung und mache mich auf den Weg zum Gate. Zulfiya kommt dort eine gefühlte Ewigkeit später an. Sie signalisiert mir, dass alles geklappt hat mit unserem Gepäck. Zumindest ist das meine Interpretation unseres Austauschs. Ich bin sehr erleichtert, als mir in Erivan meine Tasche auf dem Gepäckband entgegenkommt.
Rückflug, eine Woche später. Naiv und voller Zuversicht weise ich beim Einchecken in Erivan darauf hin, dass wir nach Duschanbe wollen. Mitleidige Blicke, das gleich Spiel. Ich weise auf mein fehlendes Visum hin, Achselzucken auf der anderen Seite, Zulfiya lacht nur. Also gut, inzwischen ist die Prozedur ja gut eingespielt.
Nach der Landung in Moskau verliere ich Zulfiya wieder aus den Augen. Eben steht sie im Bus noch neben mir, dann betreten wir das Terminal und sie ist weg. Wieder hunderte Menschen bei der Passkontrolle, auf zwei Ebenen. Ich halte kurz Ausschau nach ihr, dann warte ich am Transitschalter. Und warte. Und warte.

Irgendwann gebe ich es auf und mache mich auf den Weg zum Gate. Auch dort keine Spur von ihr. Also warte ich wieder. Der Informationsschalter ist von einer Gruppe mehr feucht als fröhlicher Russen belagert. Als ich mit meinem Anliegen durchkomme, wird mir nach kurzem Suchen kommentarlos ein Telefon gereicht. Es klingelt kurz, dann Stille. Großartig. Ich drehe eine Runde durch das Terminal, von Zulfiya keine Spur. Als ich wieder zurück am Gate bin, hat das Einsteigen schon begonnen.
Wie soll ich das in Duschanbe erklären? Was mache ich, wenn sie nicht im Flugzeug ist? Soll ich meine Chefin anrufen? Was soll die machen? Im Unterschied zu mir spricht Zulfiya Russisch. Im Unterschied zu mir stand sie nicht hilflos vor der Passkontrolle und kam ohne fremde Hilfe nicht an ihr Gepäck. Trotzdem ist sie jetzt weg. Und ich fühle mich dafür verantwortlich, sie gesund und munter zurück nach Tadschikistan zu bringen. Außerdem hat sie mein Gepäck! Oder auch nicht.

Das Gate leert sich. Auf die offensichtliche Lösung komme ich erst jetzt und frage die Flugbegleiterinnen ob Zulfiya schon an Bord ist. Ist sie. Als ich zu meinem Platz gehe, lacht sie mich strahlend an und winkt fröhlich. Ich war schon lange nicht mehr so erleichtert.