Feldgruppe
„Wir beten für Frieden im Südsudan“

Im Flüchtlingslager in Kule, in dem Christine Tasnier als Hebamme arbeitete, leben viele Menschen, die vor der Gewalt im Südsudan fliehen mussten. In ihrem Blog berichtet sie von einem sudanesischen Brauch, ein Kind nach den Umständen der Geburt zu benennen.

Im Lager in Kule, in dem ich im Moment arbeite, leben 54.000 Menschen, die vor der Gewalt im Südsudan fliehen mussten.  Hier gibt es auch eine Kirche, in die ich schon öfter mitgegangen bin zum Gottesdienst mit meinen Übersetzer-Kolleginnen, die selbst als Flüchtlinge im Lager leben. Die Gottesdienste waren immer sehr lang. Einmal fragte ich, weshalb das so ist. „Wir beten für Frieden im Südsudan. Deshalb müssen wir lange beten“, sagten die Frauen. Nachts, wenn ich in meinem Bett liege, habe ich schon öfters laute Gesänge und Jubel gehört. Es hatte sich die Nachricht verbreitet, es gebe ein neues Friedensabkommen im Südsudan. Die Menschen wollen so gerne heimkehren, doch bisher wurden ihre Hoffnungen jedes Mal enttäuscht.

Die neugeborenen Babys im Camp werden „Hoffnung“ oder „Frieden“ genannt

In solchen Nächten der Hoffnung wird ein Baby gerne „Hoffnung“ oder „Frieden“ (oben im Bild) genannt. Denn es ist ein Brauch im Südsudan, dass man sein Kind nach den Umständen der Geburt benennt. Eine unserer Übersetzerinnen heisst Moskito, weil in der Nacht ihrer Geburt sehr viele Mücken unterwegs waren. Ich mag sie sehr, sie ist eine unheimlich fröhliche, herzliche Person. Vor einiger Zeit erzählte sie mir stolz, dass ihre Nichte Nyadak schwanger ist. Und es war klar, dass sie bei uns entbinden sollte.

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Grosse Wiedersehensfreude bei Christine und ihrer Übersetzerin Moskito, deren Nichte Nyadak gerade ein Kind zur Welt gebracht hat

Vor kurzem kam Nyadak mit Wehen zu uns. Zunächst verlief alles gut, doch dann ging Nyadaks Geburt nicht voran. Ich kontrollierte ihren Bauch und spürte, dass das Baby sich nicht richtig gedreht hatte. Wir versuchten verschiedene Geburtspositionen, leider funktionierte es nicht. Schliesslich entschieden wir, Nyadak in die nächstgelegene Stadt nach Gambella ins Krankenhaus zu verlegen, das wir ebenfalls unterstützen. Dort können die Kollegen im Notfall einen Kaiserschnitt vornehmen. Die Fahrt nach Gambella dauert bis zu anderthalb Stunden über eine holprige Strasse. Zum Glück ging alles gut, und das Team im Krankenhaus konnte das Baby gesund zur Welt holen.

Das Baby hat sich dafür entschieden zu leben

Nyadak kam einen Tag später zurück in unsere Geburtsstation. Moskito und ich begrüssten sie herzlich. Die Wiedersehensfreude war riesig. In meine Freude hinein fragte ich mich jedoch leise für mich, was passiert wäre, wenn wir nicht hier wären. Ohne medizinische Hilfe wären Nyadak und ihr Töchterchen, das sie Nyamire nannte, wahrscheinlich gestorben. Es war eine gute Entscheidung, sie rechtzeitig ins Krankenhaus zu verlegen. Übrigens bedeutet Nyamire Entscheidung. Ihre Mutter sagte, dass das Baby sich trotz aller Schwierigkeiten entschieden habe, zu leben. Ein wirklich passender Name, wie ich finde.