Feldgruppe
“Ich sehe viel Leid und Not. Aber auch viel Freude – denn ich bin Hebamme“

Christine Tasnier ist Hebamme und arbeitete über ein Jahr lang im Flüchtlingslager in Kule. In ihrem Blog berichtet sie von Freude und Leid, die in ihrem ersten Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen nah beieinander liegen.

Mein Name ist Christine Tasnier und dies ist mein erster Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen. Seit bald einem Jahr arbeite ich inmitten eines großen Flüchtlingslagers im Westen Äthiopiens an der Grenze zum Südsudan. Wir betreiben hier ein Gesundheitszentrum mit 120 Betten. Ich sehe viel Leid und Not. Aber ich sehe auch viel Freude – denn ich bin Hebamme: Wenn Kinder geboren werden, ist es immer ein besonderer Moment. Überall auf der Welt. 

Im Flüchtlingslager in Kule leben 54.000 Menschen – viele von ihnen seit fast vier Jahren. Sie sind vor dem Bürgerkrieg im Südsudan hierher geflohen. Die Menschen haben sich einfache Hütten aus Holz, Planen und Lehm gebaut. Die Hütten sind maximal zwei mal zwei Meter gross. Mehr als ein paar Matten zum Schlafen haben die Geflüchteten darin nicht.

Die Menschen stehen vor Dilemmas, die wir uns nicht vorstellen können

Wenn man durch die schlammigen, löchrigen Straßen des Lagers läuft, fallen einem am Rand immer wieder kleine Buden auf, deren Wellblechwände die Sonne reflektieren. Öffnet man die Tür, findet man darin eine Bodenplatte mit zwei Fussabdrücken und einem Loch – ein sehr einfaches Plumpsklo. Ausserdem gibt es Plätze mit Wasserpumpen, die sich Hunderte Menschen teilen müssen. Leider kommt es immer wieder vor, dass kein Wasser fliesst. Dann holen sich die Menschen ihr Wasser aus Pfützen oder einem angrenzenden Sumpf. Unsere Gesundheitsberater raten den Bewohnern des Camps, dass sie dieses Wasser nicht zum Trinken nehmen sollten, oder es zumindest abkochen müssen. Doch Feuerholz ist kostbar. Es gibt hier im Lager leider immer wieder Zwickmühlen für die Bewohner, die mir als Europäerin vorher nicht bewusst waren.

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Christine mit einer Patientin im Gesundheitszentrum. Der Weg dorthin ist nicht für alle Frauen leicht.

Essen zu holen ist wichtiger als der Gang in die Klinik

Letztens erzählte mir eine Kollegin, dass sie eine Frau mit einer entzündeten Wunde am Zaun ihrer Hütte traf. Die Frau hatte Schmerzen und fragte, ob sie in unser Gesundheitszentrum kommen solle. „Auf jeden Fall“, sagte meine Kollegin. Doch die Frau zögerte. An diesem Tag war auch die Nahrungsmittelverteilung, die sie nicht verpassen darf. Also wollte sie erst am Folgetag zu uns kommen – trotz ihrer grossen Schmerzen. Doch sie hatte noch eine Sorge: Würde man sie ins grössere Krankenhaus ausserhalb des Lagers verlegen? Denn dann würden ihre Kinder allein zurückbleiben. Die Kollegin konnte ihr dies nicht versprechen. Wir hoffen, dass die Frau den Mut aufbringt zu kommen.