Feldgruppe
„Alle spürten, es geht um Leben und Tod“

Hebamme Christine Tasnier bloggt über ihren ersten Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen. im Flüchtlingslager in Kule. Trotz existenzieller Nöte lassen die Menschen niemanden allein, erst recht nicht bei einem so traumatischen Ereignis wie einer Totgeburt...

Das Leben hier in Kule ist für die Menschen voll existenzieller Fragen und Nöte. Gleichzeitig erlebe ich viel Wärme und Menschlichkeit. Es wird niemand allein gelassen – so wie bei einer Geburt, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht – leider eine Totgeburt. Das Herz des Babys hatte bereits im Mutterleib aufgehört zu schlagen. Nachdem das tote Kind zur Welt gekommen war, blutete die Mutter stark. Die Stimmung auf der Geburtsstation war sehr angespannt. Alle spürten, es geht um Leben und Tod. Ich hatte kurz zuvor ein Training mit meinem äthiopischen Hebammen-Team zum Stoppen von Blutungen gemacht.

Das Team ergriff alle Massnahmen, die es gelernt hatte: Entleeren der Blase mit einem Katheter, blutstoppende Medikamente, und schliesslich hielt ich die Wunde zu. Die Verwandten und Nachbarn der Patientin begannen zu beten und zu singen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte die Blutung endlich auf. Ich war körperlich ausgelaugt von der anstrengenden Haltung, doch gleichzeitig glücklich und ausgelassen. Mein Team und ich hatten es gemeinsam geschafft. Wir umarmten uns.

So viel positive Energie!

Überhaupt bin ich immer wieder beeindruckt, wie viel Fröhlichkeit und positive Energie, die Menschen hier im Lager bei all der Not an den Tag legen. Die Nuer, wie die Volksgruppe aus dem Südsudan heisst, empfinde ich als sehr optimistisch und ihre Grundhaltung ist stets: „Komme, was wolle. Es ist okay.“ Ich habe mir fest vorgenommen, mir davon eine Scheibe abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen. Es gibt so viele Dinge, die einen im Alltag stressen, obwohl es völlig unnötig ist.

Ich werde sehen, ob ich es schaffe, mehr Gelassenheit in meinen Alltag mitzunehmen. Die Arbeit erfüllt mich sehr und ich hoffe, dass ich bald weitere Einsätze mit Ärzte ohne Grenzen machen kann.