Feldgruppe
Zahlen und Fakten weisen uns den Weg

Eindrücke können täuschen, leere Aussagen und Versprechen können niemanden überzeugen. In Minsk sind Zahlen und Fakten unser wichtigster As.

Nurse dispensing medication in a TB dispensary

Gutes tun und darüber reden, eigentlich selbstverständlich. Doch es genügt nicht, nur schöne Worte zu finden, sondern man muss seine Aktivitäten auch mit Zahlen belegen können. Oft trügt der momentane Eindruck im Tagesgeschäft. Die objektive, langfristige Entwicklung mag anders aussehen. In Minsk sind Zahlen besonders wichtig, denn wir bewegen uns hier in einer Kultur der Wissenschaftler und Forscher. Schon zu Zeiten der Sowjetunion wurden hier die klugen Köpfe an den Universitäten ausgebildet. Niemand gibt sich mit vagen Annahmen oder Versprechungen zufrieden, und das ist gut so. Die meisten Projekte von Ärzte ohne Grenzen sind in sogenannten Entwicklungsländern, dort geht es meist darum, kurzfristig Not zu lindern und dann das Gesundheitssystem zu stärken.

Hier in Belarus arbeiten wir sehr langfristig. Obwohl wir ein vergleichsweise kleines Projekt sind, probieren wir neue Ansätze aus und versuchen diese mit Fakten und Ergebnissen zu untermauern.

Wir verstehen uns als Keimzelle für neue Ansätze in der Bekämpfung von resistenter Tuberkulose und werden mittlerweile auch international so wahrgenommen, weil wir uns darum bemühen, belastbare Ergebnisse und Zahlen für die psychosoziale Arbeit mit unseren Patienten zu berichten.

Warum tun wir das ausgerechnet in Minsk und nicht anderswo? Wir treffen hier auf ausgezeichnet ausgebildete Mediziner mit wissenschaftlichem Interesse. Das heißt, in Minsk ist man offen für Diskussionen, akzeptiert Neuerungen und Veränderungen. Es besteht eine grundsätzliche Neugierde und Lernbereitschaft. Letztere ist unbedingt erforderlich, da in Belarus, wie im gesamten, vormals sowjetischen Kulturkreis das Verständnis für den Umgang mit Menschen am Rande der Gesellschaft und tabuisierten Krankheiten (Tuberkulose, Alkoholabhängigkeit) noch nicht überall ausgeprägt ist. Doch ich will mich als Psychotherapeut aus Deutschland nicht aufs hohe Ross setzen. Wir mögen zwar ein ausgereiftes Rehabilitationssystem haben, doch unterstelle ich, dass wir gesellschaftlich im Umgang mit bestimmten Tabuerkrankungen (wie z.B. Tuberkulose oder Alkoholabhängigkeit) nicht viel weiter sind. Man vergleiche hierzu Blog 1 aus Belarus: „Tuberkulose, ist doch schon lange ausgerottet. Das war bis Sommer 2018 auch mein Wissensstand…“

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MSF counsellor with a patient

In vielen Ländern von Osteuropa bis nach Asien verleugnen politisch Verantwortliche noch immer die Tragweite von Suchtproblemen oder die Gefahr von Tuberkulose als tödlichste Infektionskrankheit der Welt. Das ist beim Gesundheitsministerium in Belarus anders. Die Probleme werden gesehen und Unterstützung gesucht. Wo Erfahrung oder Ressourcen fehlen, bemüht man sich um Hilfe. Man erinnere sich: Ärzte ohne Grenzen wurde im Jahre 2014 vom Gesundheitsministerium in Belarus eingeladen. Wir haben also hier die Chance, gemeinsam Erfahrungen auszutauschen, Konzepte zu entwickeln und deren Wirkung mit harten Zahlen und Fakten zu belegen, um Verantwortliche in anderen Ländern davon zu überzeugen, dass sie handeln müssen. Tuberkulose kennt keine Grenzen, man erinnere sich an den entsetzten Aufschrei in der Presse vor einigen Wochen, als in Südwestdeutschland 100 Neuinfektionen mit Tuberkulose berichtet wurden.

Endlich folgt dem Gefühl die Gewissheit, dass wir zwar noch lange nicht am Ziel sind, doch unsere Richtung stimmt.

Zurück zum Thema: Wir benötigen Fakten. Es klingt wenig aufregend und untypisch, doch ich denke, dass ich gut und gerne ein Drittel meiner Arbeitszeit damit verbracht habe, die Systematik zur Erfassung unserer Aktivitäten zu verbessern, die Dokumentation von Patienten zu vereinheitlichen und Daten systematisch zu sammeln, zu erfassen und auszuwerten. Es ist komplex, denn neben den medizinischen Daten sammeln wir erstmals Daten über psychosoziale Interventionen, deren Wirksamkeit wir belegen wollen. Das heißt, wir bringen vergleichsweise „weiche“ Daten mit harten Faken – also Erfolgsfaktoren wie Behandlungstreue und Behandlungserfolg der Tuberkulosebehandlung – zusammen. Das klingt vielleicht einfach und logisch, fängt aber schon damit an, dass wir Zugriff auf medizinische Daten von Patienten benötigen, der in vielen Ländern nicht gewährt wird oder mangels qualifizierten Personals nicht möglich ist. Auch hier sind unsere Kollegen vom nationalen Tuberkuloseinstitut in Minsk eine erfreuliche Ausnahme. Dann mussten wir eine Logik entwickeln, wie wir unsere Daten sammeln und auswerten. Denn für unsere Zwecke gibt es noch nichts. Was immer wir tun, wir sind die ersten.

Im Juli war es dann so weit. Endlich konnten wir erstmals Zahlen präsentieren, die belegen, was wir gemeinsam mit dem Tuberkuloseinstitut leisten. Endlich folgt dem Gefühl die Gewissheit, dass wir zwar noch lange nicht am Ziel sind, doch unsere Richtung stimmt. Unsere Annahmen bestätigen sich, erste Effekte werden sichtbar, wir erhalten Hinweise darauf, welche weiteren Schritte notwendig sind. Wir haben nun Argumente, die untermauern, dass wir unsere Arbeit in Belarus nicht nur fortsetzen, sondern unsere Aktivitäten mit Unterstützung anderer Organisationen erweitern müssen.

Wie heißt es so schön? Es ist immer gut, in Verhandlungen ein As im Ärmel zu haben. Bei uns bedeutet das: Es argumentiert sich entspannter mit Fakten auf der Festplatte. Ein gutes Gefühl.