Feldgruppe
Samstags in der Tuberkuloseklinik

In Weißrussland sehen sich Patienten, die gegen Tuberkulose kämpfen, häufig einem weiteren Kampf gegenueber: Alkoholsucht. Die Kombination kann verheerend sein, da Tuberkulose ohne eine schwierige Behandlung, die durch diese zusätzliche Herausforderung nur erschwert wird, tödlich sein kann. Christian, ein Psychotherapeut, arbeitet daran, Menschen dabei zu helfen, diesen gefährlichen Kreislauf durch neue Erkenntnisse und neue Hoffnung zu durchbrechen.

Die Wochenenden in der Klinik sind für die Patienten langweilig. Manche beginnen zu trinken, das bedeutet Stress für die die diensthabenden Ärzte und vor allem die Schwestern.

Seit einigen Wochen fahre ich daher samstags für ein paar Stunden in die Klinik, um gefährdete Patienten zu sehen und mich mit den Schwestern zu treffen, um auch ihnen im gemeinsamen Austausch etwas Druck zu nehmen.

Dabei sind – wie bei der Arbeit mit alkoholabhängigen Menschen üblich – Enttäuschungen an der Tagesordnung, doch in Verbindung mit der Tuberkulosebehandlung umso dramatischer.

Wer an Tuberkulose erkrankt, wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Frage ich meine Mutter, die in im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen ist, dann kann sie noch von den Mitschülerinnen erzählen, die plötzlich nicht mehr in den Unterricht kamen und mit einer undefinierten Krankheit zur Rehabilitation verschwanden. Jeder wusste um Tuberkulose, doch ausgesprochen wurde es nicht. Tuberkulose war und ist ein Tabu.

Wer Alkohol trinkt und ordentlich etwas wegstecken kann, ist ein Held. Wer die Kontrolle über seinen Konsum verloren hat, ist schwach, ein Säufer.

Wenn man nur genug wollte, könnte man doch aufhören zu trinken. Falsch! Genau wie Tuberkulose ist Alkoholabhängigkeit eine ankerkannte Krankheit. Beide sind ein Tabu.

Beide machen einsam.

Eine Heilung von resistenter Tuberkulose ist in bis zu zwei Jahren intensiver Behandlung meist möglich, Alkoholabhängigkeit ist chronisch und fordert lebenslange Achtsamkeit.

Gerne würde ich konkrete Geschichten von Patienten berichten, die ich täglich sehe, doch es würde ihnen Schaden zufügen, setzte man ihre Anonymität aufs Spiel

Bei Patienten, die über viele Jahre einen schädlichen oder gar abhängigen Alkoholkonsum entwickelt haben, geschieht in den ersten Wochen der Behandlung immer das gleiche. Konfrontiert mit der niederschmetternden Diagnose einer Tuberkuloseinfektion greifen sie zur Flasche.

Nachdem der ersten Schock verarbeitet ist, kommen die guten Vorsätze. Die Behandlung wird begonnen. Hoffnung keimt auf. Doch dann der triste Alltag in der Isolierstation.

Einsamkeit, Verzweiflung, Freunde wenden sich ab, Nebenwirkungen der Medikamente treten auf. Irgendwann kommt der Griff zur Flasche, hier meist Wodka.

Das Team der Psychologen kennt die Patienten zu dieser Zeit schon, nach dem vielversprechenden Beginn macht sich teils Enttäuschung breit, die ich dann mit den Kollegen bearbeite, damit sie die Hoffnung für den Patienten nicht verlieren.

Zwar wissen unsere Patienten, dass Alkoholkonsum in Kombination mit Tuberkulose-Medikamenten ein großes Gesundheitsrisiko bedeuten, doch das Verlangen ist meist stärker. Im Rausch werden die Medikamente nicht eingenommen.

Fortlaufend verpasste Einnahme von Medikamenten führt dann möglicherweise zu einer Wirkungslosigkeit der Behandlung, oft sogar zu weiteren Resistenzen des Tuberkuloseerregers gegen weitere Antibiotika.

In der Trinkphase wird reichlich konsumiert, Wodka, große Mengen. Man trifft Patienten, doch sie sind kaum erreichbar. Versprechen werden gegeben, doch nicht eingehalten.

Ein Aufhören ist vielfach aus eigener Kraft nicht möglich. Einige Patienten enden in der Entgiftung auf der Intensivstation.

Nicht selten muss aufgrund des schlechten Gesundheitszustands dann die Behandlung unterbrochen werden und alles fängt wieder von vorne an.

Das Umfeld, der Arbeitgeber, die Familie – alle verlieren die Geduld. Arbeitsplatzverlust, Isolation, Verlust der Wohnung – der soziale Niedergang führt in die Katastrophe für jeden, insbesondere für junge Menschen mit Hoffnungen und Ambitionen.

Einige Patienten glauben, dass sie den Alkoholkonsum kontrollieren können und dass es kein "nächstes Mal" geben wird. Nach der Trinkepisode starten sie voller Hoffnung wieder durch.

Sie wollen die letzte Trinkepisode vergessen, wollen sich nicht mit ihrer Abhängigkeit auseinandersetzen.

Sie glauben fest an ihre Zukunft, eine Familie, Kinder, den guten Job, einen kleinen Urlaub.

Aber ihre Angehörigen glauben es vielleicht nicht mehr, und meine eigene Erfahrung mit vielen Patienten, die sich so und ähnlich verhalten, zeigt mir, dass sie leider Recht behalten werden.

Dennoch glaube ich daran, dass der ein oder andere zur Einsicht kommt.

Eine Freundin hat mir vor meiner Abreise einmal gesagt: „Du kannst sie nicht alle retten!“

Meine Antwort darauf war: „Wenn ich nur einen rette, dann war es die Mühe wert.“

Ich bin noch immer guter Hoffnung.