Feldgruppe
Ich hab’ noch einen Koffer in Minsk…

Christian Falkenstein, MSF Manager für psychische Gesundheit in Minsk, fasst die Ergebnisse des Arbeitsjahres in Belarus zusammen.

…der bleibt auch dort und das hat seinen Sinn. Auf diese Weise lohnt sich die Reise. Und wenn ich Sehnsucht hab dann fahr ich wieder hin (frei nach Marlene Dietrich). Ein Jahr in Minsk hat Spuren hinterlassen, dafür bin ich dankbar. Niemals hätte ich gedacht, wie lieb ich diese Stadt, ihre Menschen, dieses Land und meine Kolleginnen und Kollegen gewinnen würde. Mein Beitrag zum Projekt ist geleistet. Wir sind noch lange nicht am Ziel, doch die Richtung stimmt. Der Staffelstab ist an meine wunderbare Kollegin Veena aus Kanada übergeben. Mit großer Energie hat sie eine Woche Input aufgesaugt und wird in den folgenden 12 Monaten ihren ganz eigenen, wertvollen Beitrag zu unserer Arbeit in Minsk leisten.

Meine Vorgängerin Katherine (auch aus Kanada) hat ein stabiles Fundament geschaffen, als hervorragende Netzwerkerin die notwendigen Beziehungen und Kontakte etabliert und mir ermöglicht, das Haus zu errichten, das wir heute haben. Nun ist es an Veena, dieses Haus auszustatten und es auf Dauer bewohnbar zu machen.

In meinem letzten Monatsreport konnte ich berichten, dass wir 77 Tuberkulosepatientinnen und Patienten psychosozial betreuen, dass die Therapietreue stetig gewachsen ist und wir im Jahr 2019 bislang über 1.800 Patientenkonsultationen geleistet haben. Das macht mich stolz und zufrieden, denn dieser Erfolg gebührt ganz meinem engagierten Team, namentlich Svetlana, Alexandra, Vilena, Lana, Roman und Alexander, nicht zu vergessen, Ekaterina, meiner Übersetzerin. In den ersten Wochen des Projektes hätte ich niemals erahnt, dass wir zusammen mit den Ärzten und Logistikern unseres Teams in enger Kooperation mit den kompetenten Kolleginnen und Kollegen aus dem Tuberkuloseinstitut soweit kommen würden. (darüber berichtete ich bereits in den vorherigen Blogs)

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Patient im Korridor des Tuberkuloseinstitut

So nutze ich meinen letzten Belarus-Blog dazu, allen Beteiligten dafür zu danken, dass wir das Leben unserer Patientinnen und Patienten ein wenig verbessern konnten, dass wir den Kampf gegen die tödlichste Infektionskrankheit beharrlich verfolgt haben, und den positiven Einfluss psychosozialer Interventionen in der medizinischen Behandlung ins Bewusstsein vieler Verantwortungsträger gebracht haben. Das alles wird und wurde ermöglicht durch ein kompetentes Team in Minsk, eine enge Zusammenarbeit und den respektvollen Umgang miteinander, sowie die Spenden der Unterstützer von Ärzte ohne Grenzen, die unsere Aktivitäten überhaupt erst ermöglichen.

Ich selbst schließe für mich das bedeutendste und befriedigendste Jahr meiner nunmehr 22jaehrigen Berufslaufbahn als Psychologe ab und gehe bereichert zurück nach Deutschland, um meine alltägliche Arbeit als Therapeut fortzusetzen. Ich wurde bereichert

um die Erfahrung, dass Belarus ein spannendes Land in Entwicklung und im Umbruch ist, dessen liebenswerte Menschen dabei sind, ihre Potenziale zu entdecken und zu entwickeln;

darum, dass Tuberkulose eine der größten medizinischen Herausforderungen ist, die wir annehmen und bewältigen können;

darum, dass Nationalitäten und kulturelle Unterschiede keine Rolle spielen, wo Menschen gemeinsam ein Ziel verfolgen.

In den vergangenen 12 Monaten habe ich in diesem Projekt mit Kolleginnen und Kollegen aus Kenia, Ungarn, Armenien, Schweden, Russland, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Italien, Kanada, USA, Turkmenistan, Usbekistan, Indien, Myanmar, Nepal und England gearbeitet – und ich bin sicher, dass ich noch mindestens fünf weitere Länder vergessen habe. Diese Erfahrungen nehme ich nun mit nach Hause in den Alltag, in dem ich versuchen werde, die menschlichen Werte von Ärzte ohne Grenzen gegen die Besorgnis erregenden Tendenzen von Ausgrenzung und Fremdenhass weiter zu vermitteln.

So beende ich den Blog aus Minsk mit Auszügen aus einem meiner Lieblingsgedichte von Hermann Hesse: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!