Feldgruppe
Ein Team und seine Herausforderung – meine Arbeit in Minsk

Die ersten drei Monate sind die anstrengendsten, hat Katherine gesagt. Wie recht sie hatte.

Fünf internationale Kolleginnen und Kollegen, rund 20 belarussische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; das ist unser Team.

Nachdem ich in der ersten Woche alle kennengelernt hatte, ging es erst einmal für zwei Tage zum Briefing ins Headoffice nach Moskau. Danach ging die Arbeit los.

Meine wunderbare Vorgängerin Katherine aus Kanada hatte gerade drei Tage Zeit, mir ein Jahr ihrer Arbeit und ihr WG-Zimmer in unserer Mitarbeiterwohnung zu übergeben, dann musste sie abreisen.

Die ersten drei Monate sind die anstrengendsten, hat Katherine gesagt. Wie recht sie hatte.

Da stand ich nun, ein Projekt im Umbruch, fünf Mitarbeiter/innen, die erwartungsvoll ihren neuen “Chef” anschauen, Massen an Informationen, die verarbeitet werden wollen und ein Tagesgeschäft, das am Laufen gehalten werden muss.

Beruflich folgten die wohl anstrengendsten und lehrreichsten Wochen meines Lebens.

Die wichtigste Person wurde schnell Hanna, meine wunderbare Übersetzerin, die mir in buchstäblich allen Lebenslagen zur Seite steht und meinen Gesprächspartnern mit einer Engelsgeduld vermittelt, was ich sagen will.

Jedes Telefonat, jedes Gespräch wird simultan übersetzt, jede Email geht über ihren Tisch – englisch – russisch – englisch.

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A lab in Minsk where samples from TB patients are analysed
Minsk Lab

Das Team Minsk besteht aus Tuberkuloseaerzten, Schwestern, Psychiatern, Psychologen, Sozialarbeitern, Logistikern, Verwaltungskfachkraeften, Technikern und Fahrern. Wir unterstützen Personal und Ärzte in der Tuberkuloseklinik und in den Behandlungsambulanzen beratend, denn aufgrund der Strukturen können wir Patienten nicht direkt behandeln oder Medikamente verschreiben.

So arbeiten wir immer gemeinsam mit dem lokalen Personal am Patienten, was Herausforderung und Chance zugleich ist.

Morgens früh fahren wir von unserer WG in unser Buero am Stadtrand von Minsk, keine 500m vom Tuberkulosezentrum entfernt. Alle trudeln ein. Nach 5-10 “dobre utra” (guten Morgen) bespreche ich mit meinen Kollegen, dem leitenden Arzt und dem leitenden Psychiater den Tag. Danach in mein Buero, Hanna ist schon da, die Mitarbeiter trudeln ein und wir besprechen kurz die anliegenden Patientengespräche. 30 Minuten später ist es ruhig.

Alle sind auf dem Weg zu ihren Patienten in die Klinik, in eins der drei ambulanten Behandlungszentren in Minsk oder in die geschlossene Klinik, wo Patienten, die – aus unterschiedlichsten Gründen – ihre TB Behandlung nicht durchführen, per richterlichem Beschluss zwangseingewiesen sind.

Ein wesentlicher Erfolg unseres Projekts seit Beginn 2014 ist es, dass alle Beteiligten darum bemüht sind, diesen letzten Schritt zu verhindern. Leider gelingt dies in zu vielen Fällen noch nicht.

Gerade benachteiligte, wenig ausgebildete Menschen mit Suchtproblemen erkennen die Notwendigkeit ihrer Behandlung nicht oder sind mit der komplexen Prozedur schlicht überfordert.

Unser Team hilft in der täglichen Arbeit mit Information, Begleitung, Gruppen und Einzeltherapie Patienten dabei, ihre Behandlung konsequent zu verfolgen. Ärzte ohne Grenzen verschafft benachteiligten Menschen, die ohne unsere Hilfe dem Tod geweiht wären, Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten und Behandlung.

Wenn alle ausgeschwärmt sind, beginnt meine Administrationsarbeit. Logistik, Kontrollen, Statistiken, Konzeption von Lern- und Patientenmaterialien, Abstimmung, Telefonate. Wir arbeiten schon heute systematisch auf den Tag hin, an dem wir als Organisation Belarus verlassen, sei dies in 10 Monaten oder 10 Jahren.

Bis mein Team wieder eintrudelt, mache ich mich selbst noch auf ins “Feld”, Gespräche mit Stations- und Oberärzten, der Pflege, Begleitung von Kollegen. Gegen 4 Uhr sind alle wieder da, das Büro wird voll, es ist geschäftig, Nachlese, Auswertung, Teamgespräche.

Gegen 6 Uhr setzt uns Andrei (unser Fahrer) wieder an der WG ab. Wie immer habe ich meinen Laptop dabei, der Tag war so voll, dass fast alle Emails ungelesen sind und noch einiges an Hausaufgaben zu erledigen ist.

Gegen 9 ist der Computer aus, ein langer Tag geschafft. Ich bin müde, aber alles ist gut.

Die ersten drei Monate sind die anstrengendsten, hat Katherine gesagt. Wie recht sie hatte.