Feldgruppe
Diskutieren, Streiten, Patienten ernst nehmen. Ein weiter Weg.

In Weißrussland sehen sich Patienten, die gegen Tuberkulose kämpfen, häufig einem weiteren Kampf gegenueber: Alkoholsucht. Die Kombination kann verheerend sein, da Tuberkulose ohne eine schwierige Behandlung, die durch diese zusätzliche Herausforderung nur erschwert wird, tödlich sein kann. Christian, ein Psychotherapeut, arbeitet daran, Menschen dabei zu helfen, diesen gefährlichen Kreislauf durch neue Erkenntnisse und neue Hoffnung zu durchbrechen.

An MSF team member examines a patient with multidrug-resistant TB in Minsk

Wie formulieren wir einfache Grundsätze, von denen wir glauben, dass sie uns in der Bekämpfung von Tuberkulose erfolgreich machen?

Ja, es geht zunächst um Medikamente, um Forschung, darum, dass Behandlungen kürzer, effektiver und patientenfreundlicher werden.

Wie stellen wir sicher, dass sich nicht weitere Resistenzen gegen die verfügbaren Antibiotika entwickeln?

Auf dem regionalen Tuberkulosesymposium in Taschkent, das ich Ende Februar besuchte, war ich tief beeindruckt, welche Fortschritte gemacht wurden und mit welchem Eifer Ärzte und Wissenschaftler aus aller Herren Länder kooperieren, um den Kampf gegen Tuberkulose zu gewinnen.

Gleichzeitig müssen wir lernen, die Patienten in den Mittelpunkt unserer Bemühungen zu stellen, denn sie sind es, die ihre Medikamente einnehmen und die Infektion besiegen.

Im Vorfeld des Symposiums wurde ich gebeten, einen Vortrag über die Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit auf die Tuberkulosebehandlung zu halten.

Gemeinsam mit dem Projektmanagement und den medizinischen Ratgebern in Minsk und Moskau haben wir einen mutigen Schritt gewagt und anstatt einer Liste von Zahlen, Belegen und Studien einige Kernthesen aufgestellt, die ich – zugegeben mit weichen Knien – in Tashkent vorgestellt habe.

Alkohol- und Drogenkonsum sind die größten Risikofaktoren in der Tuberkulosebehandlung.

Tuberkulose ist heilbar, Suchterkrankungen sind chronisch, also nicht endgültig heilbar.

Tuberkulose wird vom Arzt aufgrund von Labortests diagnostiziert, eine Suchterkrankung muss vom Patienten selbst durch das Benennen von Kernsymptomen und Verhaltensweisen mit Hilfe eines Psychiaters oder Therapeuten diagnostiziert werden.

Tuberkulose besiegt man durch das Einnehmen von Substanzen, Abhängigkeit kann man nicht besiegen, man kann nur die Einnahme von Substanzen unterlassen.

Diesen Wiederspruch müssen wir uns bewusstmachen und in unserer Behandlung reflektieren.

Patienten hören mit dem Konsum von Alkohol und Drogen nur auf, wenn sie das wollen, das heißt, ein Einsehen in ihre Abhängigkeit haben.

Sie suchen die Behandlung wegen ihrer Tuberkulose auf, nicht wegen ihres Alkoholkonsums.

Wenn ich zum Bäcker gehe, um Brot zu kaufen, werde ich kaum begeistert sein, wenn dieser nur zum Verkauf bereit ist, wenn ich auch ein Paar Schuhe kaufe.

Selbst wenn ich im Winter barfuß komme, es ist doch immer noch meine Sache, oder?Es klingt paradox, doch es ähnelt unserer Herausforderung, den Patienten dazu zu motivieren, sich mit seinem Suchtmittelkonsum zu beschäftigen.

Was heißt das für unseren patientenzentrierten Ansatz?

Wir geben unseren Patienten alle Informationen, damit sie selbst eine auf vollständigen Informationen beruhende Entscheidung treffen können.

Wir machen ihnen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen klar. Wir akzeptieren ihre Entscheidung ohne „Wenn und Aber“, selbst wenn wir nicht einverstanden sind oder sie für falsch halten.

Wir müssen uns damit begnügen, die Auswirkungen von Abhängigkeit zu minimieren und Schaden zu begrenzen, wenn Patienten keine Einsicht in ihr Verhalten gewinnen können oder wollen.

Brutal gesagt: Menschen haben das Recht, sich zu Tode zu trinken oder an Tuberkulose zu sterben, wenn sie sich dazu entscheiden.

Sie haben aber nicht das Recht, andere zu schädigen oder zu infizieren.

Diese Kernaussagen fanden in Taschkent große Resonanz.

Seither führen wir zahlreiche Diskussionen und einen regen Austausch über Länder- Projekt- und Organisationsgrenzen hinweg. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen, nicht jeder ist einverstanden.

Doch wir haben eines erreicht.

Der Patient, seine Rechte, seine Wünsche und seine Pflichten sind im Fokus unserer Diskussion.

Es geht nicht nur drum, eine Diagnose zu stellen und Medikamente zu verschreiben, sondern darum, die Person dabei zu unterstützen, ihre Krankheit und individuelles Schicksal in Würde und Freiheit zu meistern.

Es wird noch ein weiter Weg sein, patientenzentrierte Versorgung nachhaltig umzusetzen.

Ich denke, sie ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht, für das ich mich einsetze.

Wir werden alle umdenken müssen, doch ich bin zuversichtlich, und ich bin nicht allein.