Feldgruppe
Der weiße Fleck auf der Landkarte

Belarus (Weißrussland), das ist irgendwo im Osten, Ex Sowjetunion.

Tuberkulose, ist doch schon lange ausgerottet.

Belarus (Weißrussland), das ist irgendwo im Osten, Ex Sowjetunion.

Tuberkulose, ist doch schon lange ausgerottet.

Das war bis Sommer 2018 auch mein Wissensstand, bis Ärzte ohne Grenzen mir dem  Einsatz im Tuberkuloseprojekt in Minsk anbot, bevor ich auf die einjährige Reise ging, von der nun drei Monate vergangen sind.

Tuberkulose ist ein aktuelles Thema. Belarus ist ein gut entwickeltes Land, hat ein funktionierendes Gesundheitssystem, und die Behandlung einfacher Tuberkuloseinfektionen ist hier, wie in vielen anderen Ex Sowjetrepubliken kein Problem. Doch die Behandlung von resistenter Tuberkulose, die auf herkömmliche Antibiotika nicht anspricht, stellt hier, wie in vielen anderen Ländern das Gesundheitssystem, behandelnde Ärzte und Patienten vor große Herausforderungen.

Schon heute sind Erstinfektionen mit multiresistenter TB an der Tagesordnung.

Teure Medikamente, eine komplizierte Diagnose und Behandlungsdauern von bis zu zwei Jahren mit teils extremen Nebenwirkungen, wie z.B. Gehörverlust, machen den Heilungsprozess für viele Menschen nahezu unüberwindbar.

Sozial benachteiligte Patienten, leider meist mit einer Alkoholabhaengigkeit, brechen die Therapie vorzeitig ab, neue Resistenzen entwickeln sich, die Krankheit wird im Einzelfall unheilbar und damit zwangsläufig tödlich.

Patienten benötigen medizinische und sozialpsychologische Unterstützung. An dieser Stelle kam ich als Psychotherapeut mit Spezialisierung auf Suchtpatienten ins Spiel. 

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An MSF team member examines a patient with multidrug-resistant TB in Minsk
An MSF team member examines a patient with multidrug-resistant TB in Minsk

Wir wissen heute, dass regelmäßiger Alkoholkonsum oder Alkoholabhängigkeit der entscheidende Risikofaktor für einen Behandlungsabbruch unserer Patienten ist.

Ein Team von Psychologen und Sozialarbeitern vor Ort aufbauen, und in Kooperation mit dem nationalen Tuberkuloseinstitut und dem Gesundheitsministerium ein Trainings- und Interventionskonzept für Patienten, Ärzte und Pflegepersonal etablieren, so lautet die Aufgabe.

Ende Oktober 2018 landete ich in Minsk. Mein Visum für drei Monate in der Tasche.

Wie wird das wohl bei der Grenzkontrolle? Wie wird man wohl in Belarus empfangen? Die Antwort: zurückhaltend, bemüht, freundlich, und damit ist in drei Worten mein Eindruck der “belarussischen Mentalität” beschrieben. Der Fahrer sprach kein Wort Englisch, aber mit Händen und Füßen klappte es. Und so ergeht es mir mit vielen Menschen im Alltag.

Man ist interessiert, möchte mehr erfahren, aber man drängt sich nicht auf. Minsk und seine Menschen sind unaufgeregt, für mich als Rheinländer manchmal fast schon depressiv anmutend. Doch das stimmt nicht.

Meine Kollegen im Projekt erklärten mir diesen Gemütszustand als “belarussisch normal” – nicht betrübt und nicht euphorisch.

Minsk erscheint mir, wie seine Menschen. Uneitel, großherzig, für eine Großstadt mit fast 2 Millionen Einwohnern sehr still und extrem sauber. Die Stadt ist nicht schön im klassischen Sinne, aber reizvoll, weitläufig und hat wunderbare Parks, in denen man morgens den Minskern und ihren meist handtaschenkompatiblen Hunden begegnet. Hier wird man nicht beraubt und – sofern man das will – völlig in Ruhe gelassen.

Man bekommt Hilfe, wenn man danach fragt. Es gibt kaum Wohlstand, aber die Menschen leiden keine Not. Die Regale in den Supermärkten sind voll, es gibt nichts, worauf man als Deutscher im Exil verzichten müsste, Luxusartikel sind hochpreisig, leider für viele unerschwinglich. Die Menschen lieben Technik, helle Beleuchtung, ihre Smartphones und Computer und alles geht online. Taxi bestellen, Pizza liefern, Opernticket kaufen. Selbst einen Schokoriegel für umgerechnet 25 Cent bezahlt man anstandslos per Kreditkarte. Alle wollen modern sein und am Fortschritt teilhaben und tun dies mit ihren beschränkten Mitteln.

Eine liebenswerte Melange, die es wahrlich nicht verdient hat, ein weißer Fleck auf der Landkarte zu sein.

Ich mag Belarus!