Feldgruppe
Alltag – Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück

Manchmal sind es einfach zu viele Ideen, um sie alle auf einmal umzusetzen. Um dennoch erfolgreich zu sein, muss man manchmal einfach die Bremse ziehen und sich auf das Alltägliche besinnen.

MSF counsellor with a patient

Viele Mitarbeiter bei Ärzte ohne Grenzen sind einige Monate bis zu einem halben Jahr im Projekt. Als Mental Health Activity Manager ist das anders, man bleibt in der Regel ein Jahr. In einer Managementposition im Projekt ist es wichtig, Vertrauen zu den nationalen Mitarbeitern und den Kollegen in den lokalen Institutionen aufzubauen. Das klappt nicht innerhalb von Wochen, das dauert Monate. Für die Kolleginnen in Belarus ist es schwer genug, sich immer wieder an neue ausländische Kollegen zu gewöhnen. Es klingt verrückt, bis Ende Oktober ist noch einige Zeit, doch ich beginne schon damit, die Übergabe an meine Nachfolge vorzubereiten. Das ist extrem wichtig, denn trotz der Personalwechsel soll es eine Stabilität in unseren Aktivitäten geben.

Es macht wenig Sinn, dass jeder neue ausländische Projektmitarbeiter ständig neue Ideen produziert und verwirklichen will, sondern es benötigt eine gewisse Stabilität und kontinuierliche Evolution.

Von meiner wunderbaren Vorgängerin habe ich ein klares Kernkonzept übernommen, dass ich in meiner bisherigen Zeit in konkrete Maßnahmen und Handlungsanweisungen übertragen habe. Wir haben unsere Patientenarbeit systematisiert, Prozesse und Handbücher erstellt, an die sich alle Miterbeiter halten. Ich habe kontinuierlich alle Psychologen in verhaltenstherapeutischen Methoden geschult, um effektiv mit Suchtpatienten, die an Tuberkulose erkrankt sind, zu arbeiten. Wir haben eine Patientendatenbank für das psychosoziale Team aufgebaut, die Voraussetzung für eine verlässliche Auswertung unserer Aktivitäten ist.  Auf all diese Neuerungen wurden meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowie das Personal in den Institutionen des Gesundheitsministeriums geschult. Das alles ist enorm wichtig, denn eines Tages wird Ärzte ohne Grenzen das Projekt abschließen und übergeben. Das funktioniert nur, wenn wir gut dokumentieren, gewissenhaft schulen und nachhaltig arbeiten. 

Irgendwann im Juni fiel uns auf, dass wir so viele neue Ideen haben, dass wir sie gar nicht alle umsetzen können. Zahlreiche andere Tuberkuloseprojekte meldeten Interesse an unseren Konzepten an. Wir haben Vorbereitungen getroffen, ein Forschungsprojekt auf unsere Interventionen aufzusetzen. Da passiert es leicht, dass man den Blick für den Alltag verliert.

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MSF doctor Begimkul in TB institute, Minsk

Ich gebe zu, dass ich in den letzten Wochen hin und wieder frustriert war, weil wir an Tempo verloren haben und nicht alle Beteiligten gleichermaßen mitziehen. Doch dann habe ich zurückgeschaut und verstanden, wie viel wir in kurzer Zeit erreicht haben. Die Hälfte meines Teams ist erst seit gut einem halben Jahr dabei. Wenn ich dann sehe, was hier täglich geleistet wird, dann bin ich unglaublich stolz auf mein Team. So haben wir die Bremse gezogen, uns klar fokussiert und setzen nun keine weiteren, zwar notwendigen, aber nicht dringenden Veränderungen um. Wir stabilisieren das, was wir erreicht haben, verfeinern die Vorgehensweisen, arbeiten hier und da an Details und leisten vielerorts weiter Überzeugungsarbeit. Sind wir im Tuberkuloseklinikum schon fast im Routinebetrieb angelangt, so gibt es bei den ambulanten Tuberkulosezentren der Stadt noch viel zu tun. Manchmal ist es wie bei der Springprozession in Echternach: Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Ich übe mich in einer neuen Disziplin – Geduld. Dabei wird es mir wie vielen meiner Kollegen und auch Vorgänger ergehen. Ich darf von den Erfolgen der Vorgänger profitieren, doch werde die Ergebnisse meiner eigenen Initiativen selbst nicht erleben. Auch das ist ein Teil der Realität bei Ärzte ohne Grenzen in langfristig angelegten Projekten.