Feldgruppe
Innovation: Menstruationshygiene in einer humanitären Krise

Der Zugang zu angemessener Menstruationshygiene ist entscheidend für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen. Doch in humanitären Krisen bleiben ihre Bedürfnisse meist unerfüllt. Chiara Domenichini will eine innovtive und kulturell angemessene Lösung finden. 

Wir wissen, dass das Management der Menstruationshygiene in einem Krisengebiet nicht immer einfach ist: Produkte für die Menstruation sind entweder knapp oder gar nicht erst vorhanden. Außerdem erschweren fehlende Toiletten, mangelnde Wasserversorgung und so gut wie keine Privatsphäre die Dinge noch weiter, insbesondere, wenn man unterwegs ist. Deshalb nahmen Tampons oftmals den meisten Platz in meinem Gepäck ein.  

Dann habe ich Menstruations-Unterwäsche entdeckt: waschbare, strapazierfähige Unterwäsche, die den Menstruationsfluss aufnimmt, ohne dass weitere Produkte benötigt werden. Während eines Einsatzes in der Demokratischen Republik Kongo erzählte ich einer Kollegin von meinen persönlichen Erfahrungen und wir begannen uns zu fragen: Könnte das auch für Frauen funktionieren, die vertrieben wurden und die mit viel mehr Herausforderungen konfrontiert sind als wir?    

Der Kontext

Die Menschen in der D.R. Kongo haben Jahrzehnte des Konflikts erlebt. Wenn die Gewalt ausbricht, haben sie kaum eine andere Wahl, als zu fliehen. Sie lassen ihre Lebensgrundlage zurück und müssen oft in provisorischen Lagern leben, die kaum Zugang zu grundlegenden Dingen wie sauberem Wasser, Toiletten oder medizinischer Versorgung bieten. In der D.R. Kongo gibt es aktuell mehr als fünf Millionen Menschen, die auf diese Weise vertrieben wurden - es ist die größte Vertreibungskrise in Afrika geworden. In der Provinz Süd-Kivu leben alleine 400.000 Vertriebene, von denen mehr als50 % Frauen sind.   

Ein Grundrecht 

Es gibt bisher nur sehr wenige Erkenntnisse über angemessene Menstruationsprodukte im Kontext von Flucht und Vertreibung.

Menstruationshygiene ist jedoch Teil der reproduktiven Gesundheit und als solche ein Grundrecht und Grundbedürfnis, das berücksichtigt werden muss.  

Der Mangel an adäquaten Menstruationsprodukten und sicheren Räumen für die Menstruationshygiene kann bei Frauen großes Unbehagen und Ängste auslösen, die sich zu Scham und Furcht entwickeln können. Hinzu kommt noch die gesellschaftliche Stigmatisierung. 

Jede Innovation beginnt mit einer Frage - und einer Idee 

Wie gehen vertriebene Frauen mit ihrer Menstruation um? Und könnte es sinnvoll sein, Menstruations-Unterwäsche in die Hygienesets aufzunehmen, die unsere Teams in der D.R. Kongo verteilen?  

Wir beschlossen also, uns bei der Sapling Nursery zu bewerben (das ist ein Fond von Ärzte ohne Grenzen. Dieser unterstützt Teams bei der Erprobung neuer Ansätze, die das Potenzial haben, unsere Arbeitsweise zum Besseren zu verändern).  

Der erste Schritt

Wir traten mit einer Bitte an unsere weiblichen kongolesischen Kolleginnen heran: Würden sie als erste die Periodenunterwäsche beurteilen und sich aktiv an diesem Projekt beteiligen? Sie nahmen die Idee mit Begeisterung auf: So begann unser erstes Pilotprojekt.   

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Das Team bei der ersten Pilotsitzung.
Das Team bei der ersten Pilotsitzung.

Bei meiner Arbeit habe ich gelernt, dass jeder Kontext anders ist. Humanitäre Krisen schaffen zwar Bedürfnisse, die oftmals ähnliche Lösungen hervorbringen, entscheidend ist aber, diese Lösungen kulturell angemessen zu gestalten. Deshalb haben wir z.B. über den Glauben und die Tabus in Bezug auf die Menstruation diskutiert. Darüber, woher man Informationen bekommen kann, über unsere ersten Erfahrungen mit der Menstruation und die häufigsten Herausforderungen. 

Niemand soll es wissen 

Wir haben gelernt, dass Privatsphäre für Frauen in der D.R. Kongo am wichtigsten ist. Tatsächlich wollen die Frauen nicht, dass irgendjemand - auch nicht eine andere Frau - weiß, dass sie menstruieren. 

Nach dieser Sitzung verteilten wir die Menstruations-Unterwäsche an unsere kongolesischen Kolleginnen. Drei Monate später kamen wir wieder zusammen, um ihre Erfahrungen mit dem Produkt zu besprechen. Das Feedback war insgesamt positiv. Die Unterwäsche war bequem und sauber, leicht zu tragen und zu waschen. Und am wichtigsten: Sie machte es möglich, die  Privatsphäre zu wahren.   

Der nächste Schritt

Der nächste Schritt besteht darin, diese Idee mit Frauen in einer ländlichen Gegend in Süd-Kivu zu teilen und einen zweiten Pilotversuch mit einer größeren Anzahl von Teilnehmerinnen durchzuführen. 

Das Wichtigste für uns ist, dass die Meinung der kongolesischen Frauen im Mittelpunkt steht. 

Nur so können wir gemeinsam verstehen, ob die Menstruations-Unterwäsche, die wir den Frauen zur Verfügung stellen werden, wirklich ihre Lebensqualität verbessert.  

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Eine in der Pilotsitzung entwickelte Persona, die einige Herausforderungen im Umgang mit der Menstruationshygiene zeigt
Eine Persona, die im ersten Pilotprojekt entwickelte wurde und einige Herausforderungen im Umgang mit der Menstruationshygiene aufzeigt.

Wir haben zusammen mit der Innovationsabteilung von Ärzte ohne Grenzen Japan Feedback-Sitzungen entwickelt, um die Überzeugungen, Tabus und Herausforderungen der Menstruation besser zu verstehen. Wir haben uns auch von Expert*innen für Gesundheitsförderung, für Community Engagement sowie für reproduktive Gesundheit beraten lassen, um das Feedback verständlich einholen und auswerten zu können.   

Uns wurde schnell klar, dass Menstruation sowohl ein sensibles Thema als auch eine Frage des Empowerments ist und als solches angegangen werden muss - von Frauen und für Frauen.

Eine Menge Arbeit und Leideschaft 

In den nächsten Wochen erwarten wir, dass eine Lieferung der Menstruations-Unterwäsche in Bukavu eintrifft, wo sie in den ländlichen Gemeinden verteilt wird. Bald werden wir mehr über die Herausforderungen der Menstruationshygiene lernen und neue Lösungen und Ansätze entwickeln können.  

Sollte das Feedback auf das Produkt positiv ausfallen, wird in einer dritten Phase geprüft, ob es in die besagten Hygienesets aufgenommen werden kann. Unser Antrieb sind die Erkenntnisse über Hürden der Menstruationshygiene in Risikogruppen. Die Suche nach kulturell adequaten Lösungen wird unsere größte Herausforderung sein.  

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