Feldgruppe
Solidarität und Selbstkritik – Über die dringend nötige Auseinandersetzung mit Rassismus und Machtungleichheiten im humanitären Sektor

Charity Kamau und Arunn Jegan arbeiten seit vielen Jahren im humanitären Sektor. Vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse teilen sie einen wichtigen und dringenden Aufruf – zu antirassistischer Arbeit und Reflektion im humanitären Sektor, zur Anerkennung von ungleichen Machtstrukturen und Privilegien, und zu konkreten Schritten der Veränderung.

Ich, Charity, bin eine Schwarze Frau, und ich, Arunn, bin eine Person of Color. Wir arbeiten in der humanitären Hilfe und es ist nicht immer alles in Ordnung.

Es ist nicht in Ordnung, eine stolze humanitäre Helfer*in zu sein, die angibt, keine Hautfarbe oder ethnische Zuschreibung zu sehen. Die Aussage, keine Unterschiede zu sehen, klingt erstmal harmlos. Aber es ist eine gute Ausrede, um strukturelle Ungerechtigkeiten zu ignorieren. Und man kann nicht ändern, was man nicht sieht.

Es ist nicht in Ordnung, anzuerkennen, dass sich das System ändern muss, ohne zu hinterfragen, welche Rolle man selbst bei der Aufrechterhaltung dieses Systems spielt.

Es ist nicht in Ordnung, dass unsere Kolleg*innen fragen müssen, ob wir Rassismus erlebt haben, wenn Rassismus ein unumgänglicher Teil unserer alltäglichen Erfahrung als BIPoC (Schwarze, Indigene & People of Color) ist.

Es ist nicht in Ordnung, die Motivation für unser Engagement auf Grund unseres Geburtsorts in Frage zu stellen. Wir sind humanitäre Helfer*innen.

Es ist nicht in Ordnung, wenn Du denkst, dass Du, weil Du BIPoC-Freund*innen oder -Arbeitskolleg*innen hast, behaupten kannst, keine Vorurteile zu haben, wenn es um ethnische Zuschreibungen geht.

Es ist nicht in Ordnung, alle Gespräche zu vermeiden, bei denen es um ethnische Zuschreibungen geht, weil man das Falsche sagen könnte, und es ist nicht in Ordnung, zu glauben, dass diese Gespräche von der Kernaufgabe humanitärer Arbeit ablenken.

Es ist nicht in Ordnung, wenn wir Rassismus für sich allein betrachten, ohne den Zusammenhang von ethnischer Zuschreibung, Klasse und Geschlecht zu sehen.

Es ist nicht in Ordnung, zu denken, dass BIPoC auf Kosten aller anderen von Diversitäts- und Inklusionspolitik „profitieren". Organisationen profitieren davon, dass sie Mitarbeiter*innen mit unterschiedlichen Hintergründen haben.

Es ist nicht in Ordnung, stolz zu sein, wenn man BIPoC einstellt, erst Recht nicht, wenn man unterschwellig denkt, dass sie weniger qualifiziert sind als andere und deshalb andere Erwartungen hat.

Es ist nicht in Ordnung, sich mit einer Organisationsstruktur zufrieden zu geben, in der die Mehrheit der Mitarbeiter*innen BIPoC sind, aber nur eine Handvoll von ihnen Entscheidungsträger*innen sind.

Es ist nicht in Ordnung, von uns zu erwarten, dass wir ständige Lehrer*innen in Fragen zu Rassismus sind oder dass immer wir diejenigen sind, die rassistisches Verhalten ansprechen. Es gibt genügend Möglichkeiten, sich weiterzubilden.

Es ist nicht in Ordnung, bei der weltweiten Bekämpfung der Auswirkungen von Konflikten, Armut und Krankheiten zu helfen, aber sich der rassistischen Privilegien und Ausgrenzungen, die die Welt um uns herum prägen, unbewusst zu bleiben. Dieselben Prinzipien der Menschlichkeit, aus denen unsere kollektive Entschlossenheit zur Unterstützung von Menschen in Krisen entstanden ist, beleben auch den Kampf zur Überwindung des Rassismus.

Aber...

Es ist in Ordnung, wenn wir alle anerkennen, dass diese Gespräche unbequem sind und dass sie sowohl notwendig als auch überfällig sind.

Es ist in Ordnung, wenn wir die Spaltung anerkennen, ohne sie zu verstärken. Es birgt Gefahren, Menschen zu kategorisieren. Die Hoffnung auf Harmonie liegt in einem klareren Verständnis unserer schieren Vielfalt und darin, den Hintergrund jedes Menschen als gelebte Erfahrung und nicht als statisches Schicksal zu sehen.

Es ist in Ordnung, wenn Intersektionalität* die Brille für diese Stigmatisierung ist.

Es ist in Ordnung, wenn wir versuchen, die Erfahrungen von BIPoC zu verstehen, wenn wir ihnen zuhören und diesen Moment nutzen, um uns darüber bewusst zu werden, was struktureller Rassismus ist und welche Rolle wir dabei spielen.

Es ist in Ordnung, wenn wir unsere eigene Organisationsgeschichte und die Gefahren eines "Erlöserkomplexes" anerkennen und uns kontinuierlich mit den verbliebenen Hinterlassenschaften befassen.

Es ist in Ordnung, wenn wir sicherstellen, dass unsere Politik der Vielfalt und Inklusion keine Alibipolitik ist, sondern die normale, gelebte Erfahrung aller Mitarbeiter*innen der humanitären Hilfe, wo Vertrauen einheitlich gegeben und verdient wird.

Es ist in Ordnung, wenn jede*r von uns aufhört, reflexartig zu versichern, dass "ich kein Rassist*in bin", und stattdessen fragt, "wie erhalte auch ich Rassismus aufrecht und welche ehrlichen und konkreten Schritte werde ich unternehmen, um dies individuell, institutionell und in unserer Arbeit zu ändern?".

Es ist in Ordnung, wenn wir als humanitäre Helfer*innen uns solidarisch zeigen, unsere Stimme gegen Rassismus erheben und vor allem nach innen schauen, um individuell und organisatorisch mit Dringlichkeit und Engagement einen konkreten Aktionsplan anzugehen.

Es heißt: "Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren, der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt." Also lasst uns einen Baum pflanzen.

* Intersektionalität beschreibt die Überschneidung und Wechselwirkung verschiedener Diskriminierungs- und Privilegierungsformen bei einer Person (z.B. Rassismus, Sexismus, Ableism, Klassismus etc.).