Fieldset
Eine Frage der Perspektive

Ich bin dankbar, dass ich eine Pause machen konnte. Es hatte sich – sei es wegen langer Arbeitszeiten, wegen der schwierigen Schicksale, die man im Krankenhaus hautnah miterlebt, oder wegen der eingeschränkten Mobilität – erhebliche Anspannung in mir aufgebaut. 

Es ist ihr insgesamt zweiter Auslandseinsatz, ihr erster mit Ärzte ohne Grenzen. Sylvia Schaber ist Internistin und für uns in Bossangoa in der Zentralafrikanischen Republik. In ihrem Blog berichtet die junge Ärztin von neuen Erfahrungen und begeisternden Menschen, aber auch von harter Realität und schwierigen Herausforderungen.

Vor Kurzem war ich für ein besonderes Wochenende in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Mein sogenanntes "R&R"-Wochenende stand an. „R&R“ steht für "rest and retreat", also „erholen und zurückziehen“. Mehrere Tage, die jedem Expat alle sechs Wochen zustehen. Die Strecke zwischen Bossangoa und Bangui haben wir diesmal, anders als bei meiner Ankunft vor einigen Wochen, mit dem Flugzeug zurückgelegt. Ich war ganz aufgeregt, weil ich noch nie in einer so kleinen Maschine geflogen bin. 

Über den Wolken

Für die Flüge im Inland werden hier eigene Maschinen von Ärzte ohne Grenzen genutzt, teilweise auch Flugzeuge der UN. Öffentlichen Flugverkehr gibt es in der Zentralafrikanischen Republik nicht. Am Morgen eines Fluges wird in Bossangoa immer erst die Flugbahn überprüft. Flugbahn? Korrekter wäre von einer Sandpiste zu sprechen. Je nachdem wie viel es geregnet hat, kann das Flugzeug starten oder eben nicht. Am Morgen unseres Fluges bin ich gegen fünf Uhr bei Regen aufgewacht und dachte schon, die Reise würde buchstäblich ins Wasser fallen. Aber zum Glück kämpfte sich am Morgen die Sonne vor und gegen 14 Uhr konnten wir starten. 

Es war ein tolles Erlebnis, Bossangoa, die unendlich weite Landschaft durchzogen von braunen Flüssen, und am Ende Bangui von oben zu sehen. In Bangui angekommen war ich erstaunt wie groß mir der Flughafen und die Stadt vorkamen. Als ich vor sechs Wochen aus Paris gelandet bin, war es das komplette Gegenteil. Ich kann mich noch gut erinnern, wie erstaunt ich über den kleinen Hauptstadt-Flughafen war... So schnell ändert sich sie Perspektive! 

Rest and Retreat

Das Gleiche lässt sich über mein R&R-Wochenende sagen: Obwohl ich eigentlich dachte, dass ich Erholung gerade gar nicht nötig hätte und ich die Wochenendauszeit gar nicht brauchen würde, überkam mich mit Ankunft in Bangui eine große Müdigkeit. Im Nachhinein bin ich äußerst dankbar, dass ich diese Pause hatte. Vor Ort im Projekt war ich mir dessen nicht bewusst, aber es hatte sich – sei es wegen langer Arbeitszeiten, wegen der schwierigen Schicksale, die man im Krankenhaus hautnah miterlebt, oder wegen der eingeschränkten Mobilität in einem Projekt wie dem in Bossangoa – doch erhebliche Anspannung in mir aufgebaut. Leider fiel nicht nur die Anspannung an diesem Wochenende von mir ab, sondern auch mein Immunsystem nahm sich eine Auszeit. So hat mich am ersten Tag in Bangui direkt eine heftige Magen-Darm-Grippe flachgelegt … Naja, ich denke da muss jeder hier einmal durch.

Dennoch hielt Bangui an den übrigen Tagen auch für mich noch einiges zum Genießen bereit: ein Zimmer mit Klimaanlage, ein Essen im Restaurant, Bahnen im Schwimmbad ziehen und vor allem neue Vorräte an Schokolade, Shampoo und andere Dinge im Supermarkt besorgen! Nach vier Tagen ging es zurück nach Bossangoa, diesmal auf dem Landweg. Wie ich euch schon in meinem ersten Blogbeitrag geschrieben hatte: Sind es mit dem Flugzeug nur 50 Minuten, dehnen sich diese auf dem Landweg auf ca. acht Stunden mit Schlaglöchern, rotem Sandstaub und was sonst noch so zu einer Reise mit dem Landrover gehört. Aber diesmal ging es nicht mit kalten Füßen, sondern Vorfreude auf die letzten Wochen im Projekt zurück – es ist eben alles eine Frage der Perspektive.