Fieldset
Letzte Gedanken – von großem Glück und großem Leid

Seit April ist unsere Krankenschwester Heidi Anguria in Bangladesch und arbeitet im Süden des Landes in Cox's Bazar in einem Camp für geflüchtete Rohingya. Ihr Einsatz neigt sich dem Ende entgegen. Noch einmal blickt sie auf die vergangenen vier Monate zurück.

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Da sind sie nun, die letzten Tage in diesem Projekt und mein Herz ist schwer… Meine Nachfolgerin, eine nette Krankenschwester von den Philippinen mit dem schönen Namen Icon ist angekommen und es beginnen arbeitsreiche letzte Tage: Übergabe, medizinischer Bericht, so vieles wie möglich klären und natürlich geht auch die alltägliche Arbeit weiter.

Die alltägliche Angst

Allerdings wird uns das Arbeiten sehr erschwert, denn der Monsun ist nun voll da. Wir haben seit Tagen schwere Regenfälle. Die Situation im Camp ist schwierig: überschwemmte Wege, abgerutschte Häuser, überflutete Latrinen. Die Menschen haben Angst nachts zu schlafen und der Inhalt der Latrinen verteilt sich mit den Wassermassen im Lager. Es gibt Verletzte und die Sorge um das Ausbrechen von Erkrankungen durch das verseuchte Wasser steigt. Auch außerhalb des Lagers sind Straßen zum Teil unpassierbar.

Im Camp sind alle in einer ähnlichen Situation, ob sie nun vorher arm oder reich waren, ob sie Schuldirektoren, Geschäftsleute, Fischer, Ärzte, Farmer oder Arbeiter waren. Männer können nicht mehr ihrer traditionellen Rolle gerecht werden, nämlich ihre Familien zu versorgen. Damit einher geht das Gefühl, dass sie ihre Ehre und Würde verlieren. Auch gibt es mehr Gewalt im Lager, ob sie nun von außen kommt oder von innen. Die Menschen im Lager haben Angst vor Ausbeutung und Erpressung, Entführung oder Trennung von ihren Gemeinschaften, wenn es zum Beispiel zu Umsiedlungen innerhalb der Lager kommt. Und das alles in einer Situation, in der keiner weiß, was die Zukunft bringen wird ...

So viele Abschiede von so vielen tollen Menschen

Im Zuge meines Abschieds hatten wir eine kleine Feier mit meinem Team. Und es war wunderbar! Zuerst haben wir uns traditionell in Frauen und Männer geteilt. Die Frauen haben mir die Hände mit Henna bemalt, mir zwei neue Kleider geschenkt und mir das Kopftuch auf ihre traditionelle Art und Weise gebunden. Zudem hatten wir endlich mal mehr Zeit privat zu reden, wenn auch die Sprachbarrieren groß sind. Mit den Männern zusammen gab es dann Essen (von mir), Kuchen (vom Team), Reden und Musik (mein Assistent hat seine Gitarre mitgebracht). Es waren berührende Momente ...

Sonntag vor einer Woche bin ich schließlich die Rückreise angetreten. Ich verbrachte einige Zeit mit Al Noman, mit dem ich während meines Einsatzes hier so eng zusammengearbeitet hatte. Wir gingen zum Strand und haben gemeinsam zu Abend gegessen. Montag dann das Abschlussgespräch in unserem Büro und anschließend ging auch schon der Flug nach Dhaka. Von dort aus weiter nach Amsterdam und schließlich zurück nach Deutschland.

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Steile Hänge und Stufen, so weit das Auge reicht
Steile Hänge und Stufen, so weit das Auge reicht

Letzte Gedanken

Ich bin sehr glücklich, dass ich die Gelegenheit hatte, Bangladesch ein bisschen kennenzulernen und vor allem die tollen Menschen hier! Sie sind so freundlich, geduldig, hilfsbereit, bereit alles mit einem zu teilen und sie beklagen sich kaum. Sie sind immer interessiert daran, Neues zu lernen und ihr Wissen mit einem zu teilen. Ich werde die bunten Gewänder vermissen, unsere Besuche in den Teestuben und das Chapati mit Rührei am Morgen. Ich werde die Kinder vermissen, die einen im Camp immer mit „how are you“ grüßen, selbst die vielen Stufen an den steilen Hängen ...

Die Menschen und ihre Geschichten werden mir für immer in Erinnerung bleiben – ihre schwierige Vergangenheit, ihre verzweifelte Gegenwart und ihre ungewisse Zukunft!

Alles Liebe, Heidi.