Im Land der Tsetse-Fliegen: Termitenplage und Hochzeitsflüge

Die Regenzeit hat begonnen. Nachts quaken die Frösche um die Wette und die Termiten setzen zum Hochzeitsfluge an. Vom Licht angezogen fliegen sie zu Tausenden in unsere Häuser, um dort ihre Flügel zu verlieren und sich anschliessend zu paaren. Ein Naturschauspiel der besonderen Art. Und wenn man nicht aufpasst, fliegen sie einem direkt in den Mund. Im Gegensatz zu mir freuen sich die Kongolesen darüber; frittierte Termiten gehören hier zu den Delikatessen. Unser Koch streckt mir ein noch lebendes Exemplar entgegen: „Sie sind reich an Proteinen,“ versichert er mir. Als Vegetarierin habe ich eine gute Ausrede, sie trotzdem nicht zu essen.

Dingila, RD Congo, 18.03.2012

Chaque semaine, notre véhicule tout-terrain va dans un autre quartier afin de tester la population pour la maladie du sommeil.

Mit dem Beginn der Regenzeit steigt auch die Zahl der Malariafälle drastisch an. Immer mehr Kinder werden auf unsere Notfallstation gebracht. Der kleine Dieudonné ist soeben mit seiner Mutter eingetroffen. Er hat hohes Fieber und leidet an akuter Anämie, den Hauptsymptomen der Malaria. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn um zu überleben benötigt er dringend eine Bluttransfusion. Da es hier keine Möglichkeit gibt, Blut zu konservieren, muss es unmittelbar nach der Entnahme verabreicht werden. Als erstes werden die Familienangehörigen durchgetestet. Der kleine Junge hat Glück, seine Tante hat dieselbe Blutgruppe. Nun geht alles sehr schnell. Das Blut ist noch warm, als es uns aus dem Labor gebracht wird. Ein paar Minuten später wird es bereits transfundiert. Dieudonné wird leben.

Am Nachmittag besuche ich unsere mobile Klinik in einem Aussenquartier von Dingila. Jede Woche fährt unser Geländewagen in ein anderes Quartier, um die Bevölkerung auf die Schlafkrankheit zu testen. Unser Laborantenteam hat sich mit Mikroskop und Zentrifuge unter einem Strohdach eingerichtet. Die Quartierbewohner stehen geduldig Schlange, bis sie an der Reihe sind. Neugierig und ängstlich beobachten sie die flinken Handbewebungen der Laboranten. Als erstes wird ein Blutstropfen entnommen und zentrifugiert. Danach werden die Lymphknoten abgetastet und wenn nötig punktiert. Eine junge Frau wird positiv getestet. Um das Stadium der Schlafkrankheit festzulegen, muss mittels einer Lumbalpunktion Liquor entnommen werden. Eine schmerzhafte und deshalb gefürchtete Untersuchung. Nach ein paar Minuten steht das Resultat fest: zweites Stadium, die Parasiten sind im Liquor nachweisbar. Zusammen mit vier weiteren Patienten wird sie noch am selben Tag ins Spital gebracht, um die Behandlung zu beginnen.

Es ist schon dunkel, als ich das Spital verlasse. Ein Wächter begleitet mich mit einer Taschenlampe nachhause. „Nioca!“, ruft er plötzlich. Ich erschrecke. Tatsächlich, da schlängelt sich eine schwarze, giftige Schlange über den Weg. Mein Begleiter schlägt mit einem Holzstock auf sie ein, bis sie sich nicht mehr bewegt. Auf dem Feld habe er letzthin eine Schlange getötet, die so dick war wie ein Bein. Sie hätten sie dann gekocht und gegessen, erzählt er. „Fressen diese Schlangen auch Menschen?“, frage ich ihn. „Man muss sie fressen, bevor sie einen fressen“, antwortet er. Das sehe ich ein.

Danach freue ich mich auf eine warme Dusche. Ich schnappe mir einen leeren Eimer und gehe in den Garten, wo das Wasser bereits in einem grossen Kessel über dem Feuer brodelt. Zum heissen Wasser füge ich kaltes hinzu, bis die Temperatur perfekt ist. Dann geht’s los: Mit Wasser bewerfen, einseifen, nochmals mit Wasser bewerfen. Fertig. In meinem Zimmer werde ich bereits von einem Schwarm Termiten erwartet. Ich schüttle mir die letzten Tierchen vom Leibe und flüchte mich unters Moskitonetz. Hoffentlich folgen mir die Plagegeister nicht in den Schlaf!

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Im Land der Tsetse-Fliegen: Weltfrauentag auf Kongolesisch

„Mama yambí – willkommen daheim!“, ruft mir Willkommen entgegen, als ich in Dingila eintreffe. So fühlt es sich auch an – wie nach Hause kommen. Ich schwinge mich auf meinen Drahtesel und fahre ins Spital, um nach den Patienten zu sehen. Doch wo ist Pierrette? „Sie ist verlegt worden,“ beruhigt mich der Krankenpfleger. Auf dem Wochenbett finde ich sie wieder. Sie hat jetzt richtig viele Haare auf dem Kopf und trägt ein rotes Kleidchen mit weissen Tupfen. Wie ein kleiner Glückspilz. Magensonde und Sauerstoffbrille wurden entfernt, sie atmet ruhig und saugt eifrig an Mamas Brust. Gut gemacht, kleine Kämpferin!

Dingila , DR Congo, 08.03.2012

Am 8. März ist Weltfrauentag. Ein Feiertag im Kongo – für die Frauen. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Unsere Abteilung für die Schlafkrankheit ist voll. Im ersten Saal liegen die Patienten auf Strohmatten auf dem Boden. Sie befinden sich im ersten Stadium der Krankheit: die Parasiten sind im Blut nachweisbar, doch es zeigen sich noch keine Symptome. Sie erhalten täglich eine intramuskuläre Injektion in den Gesässmuskel. Danach müssen sie eine Stunde liegen bleiben, da ein niedriger Blutdruck und eine Unterzuckerung zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören. „Sangonini?“, frage ich eine Patientin. „Ja, es geht,“ erwidert sie tapfer. Die Therapie dauert insgesamt acht Tage und ist sehr schmerzhaft. Danach sind die Parasiten in der Regel eliminiert.

Im zweiten Saal liegen die Patienten, die sich im zweiten Stadium befinden. Die Parasiten haben die Bluthirnschranke bereits überquert und es kommt zu neurologischen Symptomen. Die intravenöse Therapie dauert zwei Wochen und besteht aus zwölfstündlichen Infusionen, die zum Teil heftige Nebenwirkungen hervorrufen. Die Patienten müssen streng überwacht werden. Im letzten Bett sitzt eine hagere Frau. Ihr Blick ist apathisch, als gehöre sie nicht zu dieser Welt. Eine Familienangehörige flösst ihr ein Löffelchen Suppe ein. Sie kam zu spät zu uns, nachdem ein Naturheiler vergebens versucht hatte, ihr zu helfen. Die Krankheit ist bereits weit fortgeschritten und hat das zentrale Nervensystem erreicht. Mit der Therapie wird zwar die Krankheit aufgehalten, doch die neurologischen Schäden können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Deshalb ist die Sensibilisierung der Bevölkerung und eine frühzeitige Therapie so wichtig.

Am 8. März ist Weltfrauentag. Ein Feiertag im Kongo – für die Frauen. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ich wickle ein Tuch um meine Lenden, das speziell für diesen Anlass angefertigt wurde. Der Wächter lacht, als er mich sieht: „Du bist falsch gewickelt!“ Unsere Köchin eilt mir zu Hilfe und schnürt mich so fest ein, dass ich kaum mehr atmen kann. So muss es sein. Tausende Schaulustige haben sich versammelt, um den Umzug anzufeuern. MSF ist auch dabei. „Für einen besseren Zugang der Frauen zur Gesundheitsversorgung“, steht auf unserem Banner. Vor uns bereiten sich die Bäckerinnen von Dingila auf ihr Defilee vor. Dann sind wir dran. Im Gleichschritt mit den Haushälterinnen und Pflegefachfrauen setzen wir unsere Hüften in Bewegung. Die Menge jubelt. Am Abend folgt die Bestätigung am lokalen Radio. „Die weissen Frauen haben getanzt wie echte Kongolesinnen,“ berichtet der Moderator. Na also.

In der Nacht fegt ein heftiger Sturm über Dingila. Der Regen prasselt ans Fenster, der Wind zischt durch die Ritzen und der Donner ist so nah, dass mein Bett erzittert. Ein Ast des mächtigen Mangobaumes kracht in den Garten herunter. Am nächsten Morgen ist mein Zimmer unter Wasser. Mutter Natur freut sich über die Erfrischung und die Schweinchen quietschen vergnügt in den erdfarbenen Pfützen.

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Café de la paix

Die ersten Sonnenstrahlen scheinen durch den Stacheldraht vor meinem Fenster. Aus einem kaputten Radio knistert ein kongolesischer Hit. Der Verkehrslärm vermischt sich mit den morgendlichen Kirchengesängen. Ich verbringe das Wochenende in Bunia, wo sich die Koordination von MSF im Kongo befindet. Der Kontrast zum ländlichen Dingila könnte nicht stärker sein: die Strassen sind zum Teil asphaltiert, es gibt Banken und Tankstellen, es wird gebaut. MSF ist nicht die einzige humanitäre Organisation, die sich hier niedergelassen hat. Ein buntes Sammelsurium an internationalen Organisationen und NGOs ist in Bunia vertreten. Alle sind sie gekommen, um die Wunden des Krieges zu heilen, den Wiederaufbau voranzutreiben und den Frieden zu sichern.

Dingila, RD Congo, 05.03.2012

Die Flugroute führt uns über Ango, Doruma und Dungu, wo wir die anderen MSF-Projekte mit logistischem und medizinischem Material beliefern.

Das Leben in Bunia spielt sich draussen ab. Am staubigen Strassenrand werden Kleider genäht und Möbel geflickt. Place de l’amitié, clinique pacifique – der Wunsch nach Frieden ist allgegenwärtig. Die Spuren des Krieges auch. Im Café de la paix gönne ich mir ein Stück Kuchen, einen Maracujasaft und das erste Joghurt seit sechs Wochen – köstlich! Danach bin ich gestärkt für eine kleine Shoppingtour. Im Supermarkt der UNO decke ich mich mit Shampoo und Zahnpasta für die nächsten paar Monate ein. Auch Schweizer Schokolade gibt es hier zu kaufen, für 4 Dollar die Tafel. Ich verzichte. Auf dem lokalen Markt sind die Preise um einiges billiger, doch bei „Made in China“ habe ich meine Zweifel bezüglich der Qualität.

Die Reise von Dingila nach Bunia ist spektakulär. Über 1500 Kilometer fliegen wir per Kleinflugzeug über unberührten Regenwald. Zum Teil so tief, dass man Wildtiere zwischen den Bäumen erkennen kann. Die Flugroute führt uns über Ango, Doruma und Dungu, wo wir die anderen MSF-Projekte mit logistischem und medizinischem Material beliefern. Bei jeder Landung warten neugierige Kinder am Rande der Landepiste. Sie winken uns zu und hoffen insgeheim, eines Tages auch in so einem Flugzeug mitfliegen zu können. Im Kongo gibt es über fünfzig Fluggesellschaften – und alle sind sie auf der schwarzen Liste. MSF verwendet deshalb ausschliesslich ausländische Organisationen für ihre Inlandflüge.

Unser Notfallteam hat zurzeit alle Hände voll zu tun: im Nordosten des Landes ist die Cholera ausgebrochen. MSF hat an drei verschiedenen Standorten Cholerazentren aufgebaut, um die Epidemie einzudämmen. Ich besuche das Behandlungszentrum in Bunia. Drei riesige weisse Zelte sind durch rotes Absperrband von einander getrennt. Zwischen jeder Abteilung müssen Hände und Füsse mit hochprozentiger Chlorlösung desinfiziert werden, um die Verschleppung der Cholerabakterien zu verhindern. Im ersten Zelt liegen die Verdachtsfälle, im zweiten und dritten die Cholerapatienten. Sie liegen auf einfachen Holzliegen, die in der Mitte mit einem Loch versehen sind. Darunter steht jeweils ein Eimer. Wässriger Durchfall und Erbrechen gehören zu den Hauptsymptomen der Cholera. Die Patienten erhalten deshalb Infusionen und Trinklösungen, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Bevor ich das Zentrum verlasse, wate ich ein letztes Mal durch ein Chlorbad.

Die Wohnhäuser von MSF in Bunia sind zurzeit voll belegt. Unser Team in Gety musste aufgrund der unsicheren Lage evakuiert werden und wartet nun darauf, dass sich die Lage stabilisiert. Auch von unserem Projekt in Dungu höre ich, dass die Kämpfe in der Umgebung immer wieder Anlass zur Sorge sind. Nur in Dingila scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

Nach ein paar Tagen Stadtleben freue ich mich, wieder in mein Projekt zurückzukehren. Der Dschungel ruft.

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Suissesse im Kongo

Es sind die Sonnenuntergänge, die mir den Atem rauben, die Tropenstürme, die mich Ehrfurcht lehren, und die lachenden Gesichter, die mir jeden Tag das Herz öffnen. Egal wie ich morgens erwache. Spätestens nach dem ersten „Guten Morgen, gut aufgestanden?“, ist der Tag gerettet. Ich hatte nicht erwartet, mitten im gefürchteten Kongo ein kleines Paradies zu finden.

Dingila, DR Kongo, 19.02.2012

Die ersten Kongolesinnen machen sich auf den Weg zum Fluss, um Kleider zu waschen. Gekonnt balancieren sie ihre Körbe auf dem Kopf.

Heute gehe ich joggen. Nachbars Schweinchen rennen quiekend in alle Richtungen, als sie mich kommen sehen. Drei bewaffnete Soldaten sitzen unter einem riesigen Mangobaum. Sie winken mir zu. Ich winke zurück. Die ersten Kongolesinnen machen sich auf den Weg zum Fluss, um Kleider zu waschen. Gekonnt balancieren sie ihre Körbe auf dem Kopf. Ich erstarre. Ein Rudel wilder Hunde sitzt auf der Strasse. Ich weiss nicht, wer mehr Angst hat – ich oder sie. Zum Glück bin ich gegen Tollwut geimpft, denke ich, und gehe langsam an ihnen vorbei.

Ein älterer Mann spricht mich an. „Vous êtes Suissesse?“, fragt er mich. „Ja, ich komme aus der Schweiz“, antworte ich, was ihn sehr zu freuen scheint. Wir unterhalten uns eine Weile. Er habe schon viel über die Schweiz gehört. Die Gesundheitsversorgung bei uns sei so gut, dass man geheilt ist, bevor man überhaupt behandelt wird. Eine originelle Art, unser erstklassiges Gesundheitssystem zu beschreiben. Im Kongo wird lediglich ein kleiner Prozentsatz der Staatsgelder ins Gesundheitswesen investiert. Und soweit ich die Lage beurteilen kann, fliesst nicht viel davon nach Dingila. Deshalb ist MSF hier.

Diese Woche halten uns die Neugeborenen auf Trab. Pierrette, die kleine Frühgeborene, musste zweimal reanimiert werden. Inzwischen strampelt sie wieder mit den Beinchen, als ob nichts gewesen wäre. Während unserer Teamsitzung wird uns ein Neugeborenes gebracht. Über zehn Kilometer hat der Vater zurückgelegt, um sie auf unseren Notfall zu bringen. Im Untersuchungszimmer herrscht helle Aufregung: die Kleine hat nur ein Nasenloch und atmet lediglich durch den Mund. Sie kann deshalb nicht gestillt werden. Wir versorgen sie mit Sauerstoff und legen sie in eines der Betten. Neben ihr liegt bereits ein mangelernährtes Baby mit einer Lippenspalte dritten Grades. Aufgrund der Öffnung zwischen Mund und Nase kann sie nicht an Mamas Brust saugen. Sie wird per Magensonde ernährt. Ich habe im chirurgischen Projekt von MSF im Kongo nachgefragt, ob die Fehlbildungen chirurgisch korrigiert werden können. Die Antwort steht noch aus.

Samstag ist Markttag in Dingila. Frischer Fisch, Maniok und Erdnusspaste werden in Strohkörben feilgeboten. Zwischen Macheten und Regenschirmen sind Hautaufhellungsprodukte und Seifen fein säuberlich aufgestapelt. Auf einem Holzregal steht mit schwarzer Farbe „Tankstelle“ geschrieben. Darauf stehen ein paar Kanister Benzin und ein Trichter zum tanken. Ich mache mich auf die Suche nach einer Papaya. Schon bald werden mir ein paar Prachtexemplare angeboten und wir einigen uns auf einen Preis. Dingila ist ein teures Pflaster. Die Ware muss per Fahrrad oder Motorrad kilometerweit durch den Busch transportiert werden. Nebst Zitronen, Kerzen und Räucherstäbchen habe ich auch einen farbigen Regenschirm ergattert. Auf dem Heimweg tue ich es den Kongolesinnen gleich und spanne ihn auf, um mich vor der gleissenden Sonne zu schützen.

Eine Öllampe flackert im Wind. Nachbars Schwein grunzt zufrieden, ich habe ihm meine Papayareste hinterlassen. In der Ferne hört man Kinder singen.

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Die Quelle des Lebens

19. Februar 2012 – Heute sind es die Schwalben, die mich aus dem Schlaf zwitschern. Sie haben sich unseren Balkon ausgesucht, um ihre Jungen grosszuziehen.

Über fünfzig Vogelnester habe ich unter dem Vordach gezählt. Es ist sieben Uhr früh. Eine giftgrüne Fliege klebt an meinem Moskitonetz. Schlaftrunken krieche ich aus dem Bett.

Ob ich Verlangen habe nach der Quelle, fragt mich unser Fahrer. „Ja, ich möchte die Quelle des Lebens sehen“, antworte ich. Er lacht und wir machen uns auf den Weg in den Dschungel. In Dingila gibt es kein fliessendes Wasser. Zweimal täglich wird das kostbare Gut an der Quelle geholt, um die MSF-Gebäude sowie das Spital mit Wasser zu versorgen. Ob ich Geschwister habe, fragt mich der Fahrer unterwegs. Ich erzähle ihm von meiner Schwester. „Nur eine Schwester?“, erwidert er ungläubig. Er habe 22 Kinder mit drei verschiedenen Frauen, erzählt er. Er selber sei Nummer 41 von 92 Kindern. Sein Vater sei 90 Jahre alt und kerngesund. Jetzt bin ich es, die grosse Augen macht. Dass er gerne Kinder hat, glaube ich ihm aufs Wort.

Dingila, DR Kongo, 19.02.2012

Ob ich Verlangen habe nach der Quelle, fragt mich unser Fahrer. „Ja, ich möchte die Quelle des Lebens sehen“, antworte ich.

Heute organisiert MSF im Spital von Dingila eine Versammlung zum Thema Blutbank. Nebst den verschiedenen Gemeindevertretern und Kirchenoberhäuptern sind auch Angehörige des Kongolesischen Roten Kreuz anwesend. Da wir auf unserer Notfallstation immer wieder Malariapatienten pflegen, die an akuter Anämie leiden, sind wir auf frische Blutkonserven angewiesen. In den letzten Monaten wurde die Bevölkerung von Dingila für die freiwillige Blutspende sensibilisiert. Nun geht es darum, die Schwierigkeiten zu erörtern. Einige Bewohner haben Angst, sie könnten nach einer Blutspende erkranken. Andere glauben, ihr Blut werde verkauft, so wie früher Sklaven an die Weissen verkauft wurden. Die Stimmung im Saal ist angenehm. Jeder Redner wird angehört, niemand wird unterbrochen. Nach zwei Stunden Diskussion setzt der Bürgermeister von Dingila zur Schlussrede an. „Blut ist nicht käuflich. Das Leben ist unbezahlbar“, beendet er die Sitzung. Und wir wissen, dass er recht hat.

Danach besuche ich Pierrette, unsere Frühgeborene, im Isolationszimmer. Sie kam vor zwei Wochen zur Welt – zwei Monate zu früh. Ihre Mutter wirkt heute zufrieden. Die Kleine verträgt die Muttermilch gut, die wir ihr per Magensonde geben. Ein gutes Zeichen. Pierrette liegt warm eingepackt auf dem Bett. Auf dem Kopf trägt sie eine Wollmütze, die viel zu gross ist für solch ein zartes Wesen. Neben ihr liegt eine dicke Bibel. Der Buchrücken ist zerfetzt, die Seiten vergilbt. Ob sie zur Kirche geht, frage ich die Mutter. Sie nickt, aber seit die Kleine geboren ist, sei sie nicht mehr hingegangen. Sie soll trotzdem singen, sage ich ihr, für Pierrette. Sie lacht – ja, das werde sie tun.

Nach einer strengen Arbeitswoche trifft man sich am Wochenende auf dem Dorfplatz zum Volleyballspiel. Ob Wächter, Logistiker oder Arzt, auf dem Spielfeld sind alle gleich. Selbst der Spitaldirektor stand schon im Gegnerfeld. Obwohl ich kaum Lingala verstehe, weiss ich genau, was abgeht. Freude und Ärger kennen keine Sprachgrenzen. Schade nur, dass nebst mir keine Frauen mitspielen. Frauensport scheint nicht in der kongolesischen Kultur verankert zu sein.

Der Himmel verdunkelt sich. Hoch über unseren Köpfen kreist ein Schwarm Greifvögel. Ein Gewitter zieht auf.

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Unterwegs im Busch

Wer nicht hören will, muss fühlen. Die erste Sandfliege hat sich in meiner Fusssohle eingenistet – hätte ich doch Socken getragen! Meine kongolesischen Mitarbeiter freuen sich darüber. Ich sei jetzt eine von ihnen, sagen sie, und ich hätte gutes Blut, sonst würden die Tierchen nicht an mir saugen. Also doch eine gute Nachricht. Mit Lanzette und Pinzette sind die Eier dann auch schnell entfernt. Alles halb so wild.

Als Vegetarierin lässt es sich hier gut leben. Heute gab es Maniokblätter, Reis und Kürbiskernen-Bällchen – köstlich! Auch die Omeletts schmeckten bis anhin gut, bis mir unser Koch sein Geheimnis verriet: „Das sind Krokodileier,“ sagte er stolz. Seither bin ich nicht mehr so scharf auf unsere Eierspeisen. Es gibt täglich frische Früchte: kleine, süsse Bananen, riesige Ananas sowie Papayas und Avocados aus unserem Garten. Nur die Mangosaison lässt noch auf sich warten.

Dingila, DR Kongo, 12.02.2012

Die Arbeit im Spital ist anspruchsvoll. Schlangenbisse, akute Malaria und die Schlafkrankheit gehörten bis anhin nicht zu meinen Spezialgebieten.

„Mundele!“, rufen mir die Kinder hinterher, wenn ich zur Arbeit radle. „M’bote mingi“, begrüsse ich sie auf Lingala, während sie meinem Fahrrad nachjagen. Ein Rennen, aus dem ich nicht immer als Gewinnerin hervorgehe. Spätestens wenn zehn Kinder am Gepäckträger hängen, muss ich anhalten. Dann werden Hände geschüttelt und Namen ausgetauscht. In Dingila leben zurzeit neun Mundeles – Weisse. Nebst MSF sind noch zwei weitere Hilfsorganisationen vor Ort. Oft werde ich von wildfremden Menschen mit Vornamen angesprochen. Man kennt uns.

Die Arbeit im Spital ist anspruchsvoll. Schlangenbisse, akute Malaria und die Schlafkrankheit gehörten bis anhin nicht zu meinen Spezialgebieten. So lerne ich jeden Tag dazu. Es ist ein spannender Austausch, der hier stattfindet. MSF bringt Hygiene, Logistik und medizinisches Wissen in die Projekte. Die Einheimischen zeigen uns, wie man aus wenig viel macht. Wenn es keine Abschnürbinde gibt, nimmt man halt ein Infusionsbesteck, um die Vene abzuschnüren. Die Kongolesen sind nicht nur äusserst einfallsreich, sondern auch unglaublich optimistisch, egal wie misslich die Lage aussieht. „Ca va aller,“ pflegen sie zu sagen – es wird schon gehen.

Unsere Sensibilisierungskampagne hat heute begonnen. Beladen mit Stromgenerator und Projektor fahren wir per Jeep und Motorrad durchs grüne Dickicht, um eine Siedlung ausserhalb von Dingila zu erschliessen. Über eine Stunde dauert die holprige Fahrt. Die Strassengräben sind zum Teil so tief, dass unser Fahrzeug droht zu kippen. Am Zielort werden wir bereits erwartet. Per Megaphon werden die Dorfbewohner zusammengetrommelt, mit Stühlen und Matten eilen sie herbei, um mehr über die Schlafkrankheit zu erfahren. Über hundert Augenpaare schauen gebannt zu, als der Aufklärungsfilm über das aufgespannte Leintuch flimmert. Ein Ereignis sondergleichen an einem Ort, wo es keine Elektrizität, geschweige denn Kinos gibt. Nächste Woche kommen wir wieder, um die Bewohner auf die Schlafkrankheit zu testen.

Es ist schon dunkel, als sich unser Team auf den Heimweg macht. Hin und wieder sieht man am Wegrand ein Feuerchen flackern. In der Ferne hören wir Trauergesänge. Ein junger Mann sei heute gestorben, weiss unser Fahrer zu berichten, aufgrund einer Überdosis indigener Heilmittel. Das sei hier keine Seltenheit. Er hinterlasse eine Frau und sechs Kinder. Müde und betroffen fahren wir weiter. Irgendwann verlieren sich die Klagelaute in der Nacht.

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Der Alltag beginnt

Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, Trommelschläge. Ein neuer Tag beginnt. Wer nicht schon vom krähenden Hahn geweckt wurde, wird spätestens beim Einsetzen der Stromgeneratoren aus dem Schlaf gerissen.

Die ersten Dingilaner machen sich auf den Weg in den Urwald. Mit leeren Kanistern und Körben ziehen sie los, die Machete oder Axt zur Hand, um Stunden später mit Quellwasser, Feuerholz oder Palmblättern zurückzukehren. An guten Tagen sind auch erjagte Beuten zu sehen, wie etwa Antilopen, Affen oder andere erlegte Tiere.

Dingila, DR Konko, 08.02.2012

Was mir bei den Kongolesen besonders auffällt, ist ihre Liebenswürdigkeit und der Respekt, mit dem sie einander begegnen.

Ich bin bis jetzt noch keinen Tsetsefliegen begegnet, dafür zahlreichen anderen Insekten. Am schlimmsten sind die unsichtbaren Tierchen, wie etwa die Sandfliege. Wie der Name schon sagt, hält sie sich im Staub auf und legt ihre Eier unter die Zehenhaut. Man sollte deshalb immer Socken tragen – und das bei 35 Grad Celsius! Oder die Kleiderlaus, die parasitäre Krankheiten überträgt und wahnsinnig juckt. Meine Kleider werden daher nicht nur täglich gewaschen, sondern auch gebügelt. Welch ein Luxus!

Nach einem kurzen Frühstück – in der Regel Brot aus dem Lehmofen, Porridge oder frische Früchte – bin ich startbereit. Bewaffnet mit Funkgerät und Fahrrad nehme ich den Arbeitstag in Angriff. Nach einer Woche Einführung weiss ich ungefähr, womit ich die nächsten sechs Monate verbringen werde. Als Pflegefachfrau bin ich verantwortlich für das Führen der Apotheke sowie für die Pflegequalität in unseren Projekten. Im Spital von Dingila leiten wir zurzeit eine Notfallstation mit sechs Betten sowie eine Abteilung für die Schlafkrankheit mit 30 Betten.

Als erstes fahre ich in die Apotheke: ein riesiges Lager voller Medikamente und medizinischer Ausrüstung. Tonnenweise Material wird wöchentlich per Kleinflugzeug zwischen den verschiedenen Standorten von MSF im Kongo verschickt. Eine logistische wie auch persönliche Herausforderung, zumal ich noch nie eine Apotheke geführt habe. Wenn alle Bestellungen und Lieferungen erledigt sind, fahre ich staubbedeckt und schweissgebadet weiter in die Notaufnahme, die MSF im Spital von Dingila eingerichtet hat.

Die sechs Notfallbetten sind oft belegt, nicht selten liegen zwei Patienten in einem Bett. In unserem Isolationszimmer liegt zurzeit ein Frühgeborenes. Das kleine Mädchen kam mit einem Geburtsgewicht von 1000g zur Welt. Es hat die ersten sieben Tage, die als kritisch gelten, bereits überstanden. Da es hier keinen Brutkasten gibt, versorgen wir die Kleine mit der sogenannten Känguru-Methode – warm eingepackt auf Mamas Brust. So kann einer Unterkühlung vorgebeugt werden.

Was mir bei den Kongolesen besonders auffällt, ist ihre Liebenswürdigkeit und der Respekt, mit dem sie einander begegnen. Und sie sind wunderbare Tänzer. Wenn Palmwein aus den Kanistern fliesst und Musik aus den Verstärkern dröhnt, sind sie nicht mehr zu halten. Zudem tragen sie ungewöhnliche Namen wie etwa „Von Gott gegeben“ oder „Dank sei Gott“. Eine lustige Begegnung hatte ich mit einem unserer Wächter. „Willkommen“, rief er mir bei meiner Ankunft entgegen. „Danke, wie heisst du?“, fragte ich ihn. „Willkommen“, wiederholte er. Nach einigen Durchgängen begriff ich, dass er tatsächlich „Willkommen“ heisst.

Es ist Trockenzeit. Der erste Sandsturm liess nicht lange auf sich warten und riss alles mit sich, was nicht niet- und nagelfest war. Auch meine Fensterläden wurden davon getragen – vom Winde verweht, sozusagen.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Der Himmel errötet. Die Generatoren verstummen. Was bleibt, ist schwarze Nacht.

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Im Transit

Wenn Katzen in Moskitonetzen hängen, Wildschweine durchs Spitalareal spazieren und Termitenhügel die staubigen Wege säumen, dann könnte es sein, dass wir uns in Dingila befinden. Diese kleine Stadt mitten im kongolesischen Busch kann von Uganda aus nur per Kleinflugzeug erreicht werden, da die Verbindungsstrassen entweder nicht passierbar, zu gefährlich oder schlicht und einfach inexistent sind. Die Menschen hier leben in Lehmhütten oder Backsteinhäusern, die noch aus der belgischen Kolonialzeit herrühren. Elektrizität gibt es keine und gekocht wird auf dem Feuer. Ich habe selten zuvor so viele Mango-, Papaya-, und Avocadobäume gesehen – ein kleines vegetarisches Paradies. Kaum zu glauben, dass unweit von hier immer noch Menschen entführt, vergewaltigt und getötet werden.

Die Lage in Dingila wird als relativ sicher eingestuft. Trotzdem hat die Sicherheit höchste Priorität: Jeden Tag wird die Sicherheitslage beurteilt und der Bewegungsradius entsprechend festgelegt. Unglaublich, was für eine Logistik erforderlich ist, um die Projekte von MSF mit Material, Wasser und Elektrizität zu versorgen und gleichzeitig die Kommunikation und Sicherheit zu gewährleisten. Ich bin beeindruckt.

Dingila, DR Konko, 08.02.2012

Was ich an unserem Projekt besonders schätze, ist, dass wir mit den Kongolesen zusammenarbeiten.

Eine Woche ist vergangen, seit ich mein Zuhause in Winterthur verlassen habe. Nach einem zweitägigen Briefing in Genf, wo ich die letzten Informationen über mein Projekt und die aktuelle geopolitische Lage im Kongo erhielt, flog ich über Amsterdam, Ruanda und Uganda nach Bunia, der Koordinationsstelle von MSF in der Demokratischen Republik Kongo.

Ein unverkennbarer Duft lag in der Luft, als ich in Bunia aus dem Flugzeug stieg; eine Mischung aus gegrilltem Fleisch, verbranntem Plastik und feuchtem Gras. Und es war heiss. So war der Winter schnell vergessen und Mütze und Schal im tiefsten Winkel meines Rucksacks verstaut. Ob da eine Waffe drin sei, fragte mich der Zollbeamte, als er meinen Gitarrenkoffer sah. „Das ist die Waffe der Musik“, erwiderte ich und zeigte ihm meine Gitarre. Meine restlichen Gepäckstücke wollte er dann nicht mehr sehen. Im Einwanderungsbüro galt es, verschiedene Formulare auszufüllen, und so wurde ich – zum ersten Mal in meinem Leben – mit „Hautfarbe Weiss“ registriert. Ein eigenartiges Gefühl. Weiter ging’s per Kleinflugzeug in einem atemberaubenden Flug über unberührten Regenwald nach Dingila, meinem Ziel- und Einsatzort.

Der Zufall wollte es, dass zurzeit in Dingila ein Workshop über die afrikanische Schlafkrankheit stattfindet. Anwesend sind nicht nur die internationalen und kongolesischen Mitarbeiter, mit denen ich die nächsten sechs Monate zusammenarbeiten werde, sondern auch zwei Experten von MSF Schweiz, die uns mit den neusten Erkenntnissen der Forschung beliefern. Der perfekte Einstieg also. Was ich an unserem Projekt besonders schätze, ist, dass wir mit den Kongolesen zusammenarbeiten. MSF ist nicht hier, um zu missionieren, sondern um gemeinsam mit den Einheimischen Projekte zu planen, Strategien zu entwickeln und Ziele festzulegen. Ein Schwerpunkt von MSF liegt zudem darin, die nationalen Mitarbeiter zu schulen, damit die Arbeit weitergeführt werden kann, wenn wir – irgendwann – wieder gehen.

Morgen beginnt meine erste Arbeitswoche. Ich bin gespannt.

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Startklar

Was mich dazu bewogen hat, einen tollen Job, eine wunderschöne Wohnung und mein soziales Umfeld aufzugeben, um in einem Land zu arbeiten, wo Tsetsefliegen und Rebellengruppen zu den täglichen Gefahren gehören? Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Am ehesten ist es der Wunsch, Teil eines grossen Ganzen zu sein. Teil einer Organisation, die keinem System angehört, die eigenständig ist und die unabhängig von wirtschaftlichen, politischen oder religiösen Vorgaben agiert. Das ist für mich MSF. Zudem hatte ich fast keine Wahl: Wenn man lange genug in den Büros von MSF arbeitet und tagtäglich Berichte aus den Einsatzgebieten übersetzt, reisst es einen irgendwann aus dem Sessel, und man will selber hin.

Video: Im Land der Tsetsefliegen

Video: Im Land der Tsetsefliegen

Als ich vor einem Monat erfuhr, dass ich in einem medizinischen Projekt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) arbeiten würde, war ich nicht nur erfreut. Ich war zwar erleichtert, dass ich nicht in die kirgisische Kälte entsendet wurde, doch über die DRK hatte ich bisher nicht viel Positives gehört; dass das Land eine traurige, von Gewalt geprägte Vergangenheit hat, ist allgemein bekannt. Im Wohlstandsindex der Welt belegt die DRK den letzten Rang. Gleichzeitig ist es ein wunderschönes, ressourcenreiches Land; weite Teile des Kongos sind von unberührtem Regenwald bedeckt und die Artenvielfalt soll überwältigend sein. Der Kongo gilt nicht nur als Herz Afrikas, sondern fungiert im wahren Sinne des Wortes als Lunge des Kontinents.

Genf, 18.01.2011

Ob ich mich freue? Und wie! Ich freue mich auf die tropische Wärme und darauf, meinem Schweizer Mikrokosmos zu entschlüpfen.

Ich werde in einem Projekt arbeiten, das sich für die Prävention und die Behandlung der Schlafkrankheit einsetzt, einer parasitären Krankheit, die von der Tsetsefliege übertragen wird und die unbehandelt zum Tod führt. Millionen von Menschen in Zentralafrika sind davon betroffen – und Millionen sind bereits daran gestorben. Doch die Forschung ist kaum daran interessiert, bessere und effizientere Therapien zu entwickeln, denn damit lassen sich eben keine Millionen verdienen.

Wenn mir etwas Sorgen bereitet, so sind es nicht die Rebellen, die im Urwald ihr Unwesen treiben. Es sind vielmehr die kleinen, Blut saugenden Insekten: Moskitos, Tsetsefliegen und Co. Stets muss man vor ihnen auf der Hut sein, unter Moskitonetzen schlafen, sich mit Mückenschutzmittel einreiben, täglich Malariatabletten schlucken, sich nicht in der Nähe von Gewässern aufhalten und den Körper mit langer, heller Kleidung bedecken. Denn die Tsetses stehen offenbar auf Schwarz und Blau und stechen am liebsten am helllichten Tag, während die Moskitos vorwiegend zwischen Abend- und Morgendämmerung aktiv sind. Das kann ja heiter werden!

Ob ich mich freue? Und wie! Ich freue mich auf die tropische Wärme und darauf, meinem Schweizer Mikrokosmos zu entschlüpfen, um in einem fremden Mikrokosmos wieder einzutauchen. Und ich freue mich, mit einem bunt durchmischten internationalen Team zu leben und zu arbeiten, dessen einzige Gemeinsamkeit das Beherrschen der französischen Sprache ist. Eine Mischung aus Big Brother und Dschungelcamp also, mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass MSF nicht im Kongo ist, um Leute zu unterhalten, sondern um Leben zu retten.

Ich bin jedenfalls bereit: Die Zügelkisten sind verstaut, die Post umgeleitet, der Rucksack gepackt, die Impfungen intus, die Nebenwirkungen ausgeschwitzt, das letzte Schaumbad genossen, die letzten Abschiedstränen vergossen. Kwaheere Schweiz – auf Wiedersehen – im Sommer bin ich wieder da, versprochen.

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